
… LIEBE UND GESCHICK FÜR ALTE HÄUSER
Tanja Sünkel und Peter Kuntner sitzen an ihrem Tresen. In dem kleinen Raum steht der Holzofen, der das ganze Haus mit Wärme und warmen Wasser versorgt. Gegenüber lehnt ein Kontrabass, liegen eine Gitarre und ein Hund. Auf dem Tisch ist das Homeoffice aufgebaut, Tanja und Peter blättern in Bilder aus der Zeit der Renovierung. Das barocke Tiny-House in Vogtendorf hat oben einen Glockenturm, in dem morgens, mittags und abends eine Bronzeglocke läutet.
„Und dann, wenn eine Leiche aus dem Dorf hinaus getragen wird“, sagt Peter. „Sonst droht den Bewohnern das jüngste Gericht – das hat zumindest der Spender der ersten Glocke und Bauherr, Johann Heinrich Schultheiß 1763 verfügt.“ Die derzeitige Glocke ist ein Ersatz aus dem Jahr 1952.
Wer auch nur einmal durch Vogtendorf gefahren ist, dort wo Rodach und Fischbach zusammen fließen, kennt das Haus. Insbesondere seitdem es so schmuck renoviert ist, dass auch die Jury in Bayreuth Oberfrankens Denkmalpreis hierher verlieh. Und wer in Vogtendorf wohnt, der kennt Peter und Tanja. In diesem Fall in dieser Reihenfolge. Denn bevor die beiden das Fachwerkhäuschen mit einer Grundfläche von fünf auf sieben Quadratmetern kauften, verliebten sie sich in die Mühle, die dahinter steht. „Wir haben sie gesehen und sofort gewusst: Das wird unser Zuhause“, erzählt Tanja. Also kauften die beiden die alte Mühle aus dem Jahr 1692 zusammen mit einem Garten und einer Scheune.
„Eine Badestelle und eine eigene Insel waren auch noch dabei“, lacht Peter. Mitten in dem Grundstück stand das alte Gemeindehaus aus Fachwerk. Es gehörte der Stadt und war nun von den neuen Besitzern der klapprigen Mühle umringt. Sie kauften das Haus dazu und gaben der Stadt etwas von ihrem vorderen Garten ab. Die Stadt konnte die Kurve der Ortsdurchfahrt entschärfen und behielt das Betriebsrecht für die Glocke.
Mit sechs Balken steht der Glockenturm nun im Schlafzimmer der beiden. Er ist eine Leseecke mit Glockenschlag geworden. So wie die beiden an vielen Details zeigen, wie sehr sie sich auf dieses Haus eingelassen haben. Zur Mühle hin stehen zwei parallele Fachwerkwände. Die innere wurde zum Regal und Spiegelschrank im Badezimmer umgebaut.
Ein Jahr lang haben die beiden mit ihren Freunden und Familien das Äußere in Takt gebracht, ein weiteres Jahr mit dem Innenausbau verbracht. Oftmals waren das Gemeinschaftsaktionen mit Feuertonne und Grill, Bier und Baumaterialien. „Nahezu alles ist aus Lehm, Kalk oder Holz“, erklärt Peter.
Seine erste Idee für die Renovierung der Mühle liegt immer noch im Vorgarten. Ein elf Meter langer Eichenstamm aus dem Wald von Tanjas Familie. Er soll einmal eine tragende Rolle in der alten Mühle übernehmen. Peter hat ihn mit einem Breitbeil mit der Hand selbst behauen. „Nachdem der Stamm im Vorgarten liegt, hat sich das ungeplant zur PR-Aktion entwickelt. Die Leute aus dem Dorf blieben stehen – wir kamen ins Gespräch und jeder hier kennt uns spätestens dadurch“, sagt Peter. Das kleine Fachwerkhaus überholte die Mühle aus Kronacher Sandstein dahinter. Und so liegt der Stamm noch immer im Vorgarten.
Die Instandsetzung der Mühle ist in Vorbereitung. Die Wände der Mühle bauchen nach außen. Der Dachstuhl ist teilweise eingebrochen und hat sich in einer Hundertwasserform über die Mühle gelegt. Innen hält die Treppe ins Obergeschoss gerade so, die freigelegten Stellen zeigen den Schaden am Fachwerk. Tanja und Peter sind von der guten Stube des Müllers begeistert. Neben einem Kachelofen ist auch noch die Holzbalkendecke erhalten. Sie wollen das Gebäude, dem ihre erste Liebe gehörte, auch wieder zum Leben erwecken. Schritt für Schritt.
„Egal, wieviel wir renovieren, es muss immer noch Zeit sein, um mal Laufen zu gehen“, sagt Tanja. Dann verschwinden die beiden mal für ein paar Tage auf den Frankenwald-Steig, laufen auf dem Goldsteig oder dem Höchrhöner. Dann schlägt die bronzene Glocke früh, mittags und abends ohne sie – und hinter dem Haus rauscht der Mühlbach wie immer.



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