Orchester voller Leidenschaft

Wie Magdalena Klein aus schwarzen Punkten Glücksgefühle macht

Magdalena Klein dirigiert KronachKlassik. Eine Großstädterin kommt aufs Land, eine Profimusikerin arbeitet mit Laien, eine Mutter bringt ihre Kinder mit. Sie alle erleben ein Glück, das in der Musik seinen Ursprung hat. Die Bühne des Kreiskulturraums ist voll. Mittendrin steht Magdalena Klein auf ihrem Podest, im Rücken ein großer Flügel, um sie herum Geigen und Celli, Holz- und Blechbläser und Schlagwerker. Magdalena Klein ist Dirigentin, zum zweiten Mal leitet sie das Projektorchester „KronachKlassik“.

Ein Tag ist es noch bis zu den beiden Konzerten. Ein paar Zuhörer sind im Publikum, darunter ihre ältere Tochter – sie ist drei Jahre alt. Klein sagt eine Taktzahl in Chopins Klavierkonzert an. Hochkonzentriert folgen ihr die Musikerinnen und Musiker zwischen 13 und 80 Jahren. Zu hören ist … ein totales Durcheinander. Klein blickt in ihre Partitur. Blitzschnell muss sie entscheiden, was sie als Nächstes tun will.

„Wir haben noch ziemlich genau 24 Stunden bis zum ersten Konzert“, lacht sie in ihrer Umkleide. Handschriftlich haben ihr die Organisatoren ein Schild mit Herzen und „Dirigentin“ gemalt. Sie hat es gleich gepostet. „Es ist hier so herzlich. Die Begeisterung und das Engagement ist überall zu spüren“, erlebt sie.

Magdalena Klein geht in einen doppelten Spagat. Der eine sind Musiker, die eben keine Profis sind, die ihre Freizeit mit Musik verbringen, „viele Stunden üben und total Lust haben“. Klein kennt auch die anderen: die Profiorchester in Bonn, Düsseldorf, Paris oder Hannover, wo sie gerade lebt. „Wir haben bei Laien eine andere Lernkurve.“ Sie zeigt erst eine leichte Steigerung und am Ende geht es steil nach oben. „Da passiert oft im letzten Augenblick noch unheimlich viel Fortschritt – manchmal erst zum Konzert selbst.“ Klein lacht dabei.

Gleichzeitig muss sie sich organisieren und auf das Orchester vertrauen. „Ich muss mir ganz genau überlegen, welche Baustellen gehen wir noch an und welche nicht.“ Ihre Musikerinnen und Musiker in Kronach haben auch Stress: Die Noten sind auch für Profis schwer. Der andere Spagat ist der einer Großstädterin, die aufs Land kommt. „Diese Herzlichkeit, Begeisterung und Gemeinschaft sind soo ansteckend und wohltuend“, sagt sie und zieht das „o“ dabei ganz lang, länger als die Nudeln, die sie nebenbei auch noch isst.

Sie erlebt, wie wenige Möglichkeiten – zumindest im Vergleich – die Musiker haben für solche Orchesterprojekte. Sie erlebt, wie das gesamte Umfeld mithilft, damit es gelingt: „Da kommen Menschen vorbei, die einfach so einen Kuchen für uns gebacken haben – es ist wirklich unglaublich, was man auf die Beine stellen kann.“ In Berlin hat sie mehrere Jahre ein Orchester organisiert. Sie hat telefoniert, damit die Termine klappen, damit alle Stimmen besetzt sind. Sie kennt diese Arbeit – und schätzt jede und jeden, der hier in Kronach mithilft.

„Die Musik verbindet uns. Das sollte eigentlich jeder einmal erleben“, sagt sie. Dafür ist ihr Platz auf dem Dirigentinnenpodest besonders gut. „Bei mir, an genau dieser Stelle, kommt alle Energie, kommen alle Emotionen zusammen.“

Ihr gelingt es, mit ihrer Begeisterung für die Stücke das Orchester anzustecken. Louise Farrenc, Frédéric Chopin, Pjotr Iljitsch Tschaikowski: „Ich habe das Gefühl, dass sie sich auf wirklich alles einlassen. Sie durchleben, was die Musik in sich trägt und wachsen damit über sich hinaus.“

Zu diesem Zeitpunkt ist das nicht nur Wissen, sondern auch Hoffnung – die Hoffnung, dass die Begeisterung hilft, Baustellen zu beseitigen. Die Hoffnung, dass die Musik zu schweben beginnt, dass sich die Emotionen in den ganzen Raum ausbreiten. „Ich erlebe, dass viele mitdenken und die Musik mitleben. Nur so können wir aus schwarzen Punkten und toten Noten wieder Musik entstehen lassen“, sagt Klein. Sie ist in dieser Sache unnachgiebig. „Ich fordere im besten Sinne viel – bequem hat es da niemand im Orchester“, weiß sie. Warum soll sie aufgeben, wenn sie doch weiß und spürt, es geht noch besser. „Dann machen wir die Stelle noch drei Metronomzahlen schneller. Ich möchte alle motivieren, über sich hinauszuwachsen.“

Ihre Tochter hat bei der Generalprobe genug von diesen Versuchen. Sie will zu ihrer Mutter. Die Probe läuft weiter, auf dem Podest stehen nun für einen Moment zwei. „Das Orchester hat die Situation angenommen, ich konnte mich voll auf die Musik konzentrieren. Beides zusammen ist für mich auch ein sehr berührender Moment bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“

Gleich beginnt das Konzert. Ein paar Schritte für die Dirigentin, dann hat sie das Podest erreicht. „Mein Gefühl war eine riesige Vorfreude.  Und ich war gespannt, wie es laufen wird“, erzählt sie hinterher.Aus ihren Ansagen wie „Ihr könnt das noch besser“ wird ein gemeinschaftliches großes Glücksgefühl. „Jede und jeder ist über sich hinausgewachsen.“ Und vielleicht trägt die Musik auch in einer größeren Perspektive dazu bei, die Welt besser zu machen. „Mir gibt die Musik Mut – auch für unsere derzeitige Weltlage. Musik ist einfach das beste Mittel, Menschen zusammenzubringen.“