Auf (K)ein Wort

Früher gab es den Stammtisch. Heute gibt es die Kommentarspalte. Wobei der Stammtisch einen entscheidenden Vorteil hatte: Wer Unsinn redete, konnte damit rechnen, dass ihm sofort jemand widersprach. Nicht anonym. Nicht unter einem Fantasienamen mit einem Katzenbildchen als Profilfoto. Sondern von Angesicht zu Angesicht. Man stritt. Und man versöhnte sich.

Heute ist der Stammtisch unendlich groß geworden. Millionen Menschen treffen sich dort – allerdings, ohne sich jemals begegnen zu müssen. Das verändert vieles. Der Bildschirm macht aus Nachbarn Fremde und aus Fremden Gegner. Die Hemmschwelle sinkt mit jeder getippten Zeile. Aus einem Satz wird ein Vorwurf. Aus Kritik eine Beleidigung. Aus einer Meinungsverschiedenheit eine Hasstirade.

Dabei beginnt das Drama oft erstaunlich harmlos. Die Stadt veröffentlicht ein Foto vom neu gestalteten Spielplatz. Früher hätte man vielleicht gesagt: „Schön geworden.“ Oder: „Schade, dass die Schaukel fehlt.“ Heute dauert es keine fünf Minuten, bis jemand erklärt, warum der Bürgermeister unfähig ist, die Verwaltung korrupt, die Steuern zu hoch und überhaupt alles ein Skandal sei.

Leben wir tatsächlich in einer Gesellschaft, die verlernt hat zu diskutieren und zu streiten? Oder haben einige von uns einfach vergessen, dass diese Beschimpfungen Menschen zutiefst verletzen können. Genau das geschieht. Wir sehen keine Gesichter mehr. Nur Nutzernamen. Keine Mimik. Keine Unsicherheit. Kein verletztes Schweigen. Wer seinem Gegenüber nicht in die Augen sehen muss, verliert erstaunlich schnell jeden Respekt.

Dass die Stadt Bamberg Mitte Juli ihre Kommentarfunktion in den sozialen Medien abgeschaltet hat, ist deshalb keine Kapitulation. Es ist ein Hilferuf. Wenn Behörden ihre Mitarbeitenden vor Bürgern schützen müssen, hat nicht die Demokratie versagt. Dann hat ein Teil unserer Kommunikationskultur kompletten Schiffbruch erlitten.

Natürlich wäre es schön, wenn künstliche Intelligenz jede Beleidigung erkennen, jeder Algorithmus Hass zuverlässig aussortieren und jede Plattform konsequent moderieren könnte. Aber selbst die beste Software wird niemals echten Anstand programmieren können. Anstand entsteht nämlich nicht in Serverzentren. Er entsteht am Esstisch. Im Elternhaus. Im Sportverein. In der Schule. Dort lernen Kinder – oder eben nicht –, dass man widersprechen kann, darf und sollte. Aber ohne zu verletzen. Dass Lautstärke niemals Argumente ersetzt. Und dass Respekt nichts kostet, aber unbezahlbar ist.

Vielleicht brauchen wir deshalb gar keine neuen Gesetze. Vielleicht brauchen wir nur eine alte Tugend zurück. Den Mut, vor dem Absenden eines Kommentars kurz innezuhalten. Nicht lange. Nur so lange, bis man sich eine einzige Frage beantwortet hat: Würde ich diesen Satz auch sagen, wenn mein Gegenüber gerade vor mir stünde? Wer ehrlich antwortet, wird vermutlich überraschend viele Kommentare niemals abschicken. Und das wäre kein Verlust. Es wäre ein Anfang.