
Leichtigkeit – Wenn das Leben wieder tanzt
Von Anke Feuer
Ich hätte nie gedacht, dass mir das nochmal passiert. Nicht in diesem Alter. Nicht jetzt. Und doch sitze ich hier, mein Herz schlägt schneller als sonst, mein Blick verliert sich in Erinnerungen, und mein ganzer Körper fühlt sich an, als würde er schweben. Ich bin verliebt. Mit fast sechzig. Und es fühlt sich an wie mit sechzehn.
Was wie ein Einzelfall klingt, ist in Wahrheit keine Seltenheit. Studien zeigen: Rund ein Drittel der Menschen über 60 verliebt sich noch einmal neu – viele davon intensiver und bewusster als je zuvor. Es begann ganz leise. Kein Blitzschlag, kein dramatischer Kinomoment. Sondern ein Lächeln, das hängenblieb. Ein Blick, der sich nicht scheute, tiefer zu gehen. Ein Gespräch, das leicht war – aber irgendwie alles in mir berührte.
Plötzlich war sie da: diese Leichtigkeit. Nicht die jugendliche, flüchtige Art, sondern eine, die sich anfühlte wie Heimkommen nach einem langen Winter. Ich merke, wie sich mein Inneres verändert hat. Die Welt sieht weicher aus. Die Farben intensiver. Die Blumen, an denen ich sonst achtlos vorbeigegangen bin, blühen jetzt für mich. Ich höre wieder Musik – nicht nur im Radio, sondern in meinem Herzen. Und die Schmetterlinge, die ich längst vergessen hatte, haben den Weg zurückgefunden. Die Psychologie bestätigt: Wer im Alter neue Liebe erlebt, erfährt oft einen regelrechten Schub an Lebensenergie. Oxytocin- und Dopaminspiegel steigen, die Gehirnaktivität ähnelt der von Teenagern.
Es ist nicht nur das Verliebtsein. Es ist das Zulassen. Das Überwinden von inneren Grenzen. Ich hatte Mauern gebaut als Sicherheit. Aber Leichtigkeit braucht Raum. Und Liebe auch. Ich musste mutig sein. Musste über mich hinauswachsen. Musste die Stimme ignorieren, die sagte: „Du bist zu alt für so etwas.“ Nein. Ich bin nicht zu alt. Ich bin bereit. Was ich gelernt habe: Leichtigkeit ist kein Zufall.
Sie ist eine Entscheidung. Ich habe sie mir erlaubt. Ich habe mir erlaubt, wieder zu träumen, mich fallen zu lassen, dem Leben zu vertrauen. Ich habe mich selbst wieder neu kennengelernt – weich, offen, voller Sehnsucht und Lust auf das Jetzt.
Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich Watte im Kopf – nicht aus Verwirrung, sondern aus Glück. Ich lache mehr. Ich weine schneller. Ich lebe tiefer. Mein Herz schlägt laut, manchmal zu laut, aber ich will es nicht mehr leiser stellen.
Die Wissenschaft nennt das „späte Blüte“: eine Zeit im Leben, in der viele Menschen emotional aufblühen – besonders, wenn sie sich trauen, neue Beziehungen einzugehen. An alle, die glauben, es sei zu spät: Es ist nie zu spät. Für Leichtigkeit. Für Liebe. Für das Kribbeln im Bauch und das Glitzern in den Augen. Man muss nur den Mut haben, sich selbst wieder zu öffnen. Die Grenze, die dich zurückhält, ist oft nur ein Gedanke.
Geh drüber. Spring. Es lohnt sich. Ich bin sechzig. Und zum ersten Mal seit langem wieder leicht.
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