Buchempfehlung #72

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von Martin Vögele von der Buchhandlung Riemann

„MEIN UNGLÜCK BEGINNT DAMIT, DASS DER STROMKREIS ALS RECHTECK ABGEBILDET WIRD“ von SASA STANISIC

Vom Stromkreis, der Wirklichkeit und den kleinen Funken dazwischen

Der vielfach ausgezeichnete deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišić zeigt mit seinem neuen Buch „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ einmal mehr, wie herrlich verspielt und zugleich berührend unsere Sprache sein kann. Schon der Titel deutet an, wohin die Reise geht: in eine Welt, in der das Alltägliche mit einem einzigen gedanklichen Kurzschluss in ein Feuerwerk aus Fantasie, Humor und Nachdenklichkeit verwandelt wird.

Der Untertitel des Buches lautet „Eine Ermutigung“, der Inhalt besteht aus gehaltenen und noch zu haltenden Reden gegen das Nichtstun. Die Ideen, die Stanišić entfaltet, kreisen um die Themen seines Lebens: Sprache und Literatur, Migration und Integration, Jugend und Herkunft. Die Beispiele, Bilder und Geschichten, in die der Redner seine Gedanken verpackt, sind vielfältig. Er springt von einer Erinnerung zur nächsten, von einer Begebenheit zur anderen, und doch hält alles wunderbar zusammen. So wie ein Stromkreis eben: auch wenn die Leitungen wild erscheinen, fließt der Strom zuverlässig und konstant. Wie so oft gelingt es dem sprachvirtuosen Autor, aus kleinen Momenten große Geschichten zu machen.

Er beschreibt, wie ein Zufall – oder ist es Schicksal? – dafür sorgt, dass seiner Familie die Flucht aus Bosnien gelingt, oder verhindert, dass er als junger Mann wieder abgeschoben wird. Seine Beschreibungen sind kleine literarische Glanzstücke; vieles ist hinreißend komisch, manches still melancholisch, und fast alles bewegt sich auf der schmalen Linie, auf der Humor und Ernst einander berühren. Die kleinen Episoden formen sich nach und nach zu einem größeren Ganzen: einem Bild davon, wie wir uns in der Welt zurechtfinden, wie wir uns Herkunft und Zukunft zusammenbasteln und wie wir manchmal erst im Erzählen erkennen, wer wir eigentlich sind.

„Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ ist ein kluges, witziges und warmherziges Buch, das zeigt, wie viel Schönheit im Unordentlichen steckt. Was es so besonders macht, ist Stanišićs feiner, federnder Ton. Er, der bis zu seinem 14. Lebensjahr kein Wort Deutsch sprach, schreibt mit einer Leichtigkeit, die nie banal wirkt, und mit einer Genauigkeit, die nie schwer wird. Sein sprudelndes Vergnügen an Sprachwitz und -spiel ist ansteckend, beneidens- und bewundernswert.


Hilft ja nix: Wir müssen den Härten und dem Leid der Menschen etwas entgegensetzen. Krieg, Armut, Faschismus, was alles noch. Jeder kann was tun, jeder. Was geben, wo helfen, so was. Verantwortung übernehmen. Wenn schon alles den Bach runtergeht, dann wenigstens in Würde, verdammte Axt. Auf Literatur setzt kaum noch jemand ernsthaft und das nicht erst seit Handys. Trotzdem hast du grad ein Buch in der Hand und überlegst, ob du es kaufen sollst. Es sind Reden drin. Findest du bescheuert, weil Reden hält man und basta. Versteh ich. Hier trotzdem eine (unvollständige) Liste, was du verpassen würdest:

  • Sieben Mal das Wort „unwahrscheinlich“
  • Meinen Großonkel Stevo, der Ende 1990 sechs Richtige im Lotto erriet und direkt ertrank (gemeinsam mit einem Trompeter)
  • Einen Stuhl in einem Hinterhof

VITA SAŠA STANIŠIĆ

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Erzählungen und Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Saša Stanišić erhielt u. a. den Preis der Leipziger Buchmesse für „Vor dem Fest“ und für „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis 2019 sowie u. a. den Eichendorff-Literaturpreis, den Schillerpreis und den Hans-Fallada-Preis. Er lebt und arbeitet in Hamburg.