Geheime Wege im Rosenberg

Die Festung Rosenberg ist so etwas wie die Krone des Frankenwaldes oder die Sonne Kronachs. Wie das mit Sonnen so ist, sie scheinen immer – nur manchmal schiebt sich eine Wolke davor. „Es gibt hier oben oft so theatralisch schöne Lichtstimmungen, fast wie eine Götterdämmerung. Die Menschen nehmen sich Zeit, weil die Zeit hier eine andere ist“, sagt Alexander Süß, Leiter der Museen der Stadt.

Doch auch an diesem magischen Ort gibt es Flecken, an die die Sonne niemals hinkam – und Süß hat die Schlüssel dafür. Es geht hinunter ins Innere, in Gänge, in denen man nach ein paar Knicken, Stufen und Schritten leicht die Orientierung verliert. Führt der Gang nun nach Norden oder doch nach Osten? Ist der Knick im unterirdischen Gang der äußere des Fünfecks der Bastion St. Kunigunde – oder der innere?

Oder doch nochmal ein ganz anderer. Hinweise geben die Kronkorken, Bonbonpapiere und andere „Souvenirs“, die Gäste bei guter Laune in die Schächte schnippen. Liegt unter den langen Lüftungsschächten nichts auf dem Boden, wird auch oben im Licht der Sonne kein Publikum unterwegs sein. Das ist ein kleiner Hinweis darauf, wo man sich gerade befinden könnte.

An einem Schlitz bleibt Süß stehen. Links und rechts sind sorgsam errichtete Mauern. Nach unten geht es weiter als der Schein der Taschenlampe reicht, nach oben auch. Egal welches Wetter draußen ist, egal welche Jahreszeit oben die Festungsanlage umhüllt, hier unten hat man immer die gleichen Temperaturen wie in einem alten Keller. Und es ist still. Von außen dringen hier keine Geräusche hinein.

Süß wirft ein Steinchen in den Schlitz – und es dauert eine ganze Weile, bis es mit einem Platsch landet. „Dort unten fließt das Wasser aus dem Berg ab“, erklärt er. So praktisch es war, dass die Festung aus dem Stein erbaut ist, aus dem auch der Hügel ist auf dem sie steht, so tückisch kann der Berg auch sein. Kurze Wege für die frisch gehauenen Steine sind das Eine. Andererseits gibt es mit dem Wasser aus dem Berg neben den vermuteten Feinden außen auch einen ganz sicher vorhandenen Feind im Inneren.

„Findet das Wasser nicht einen geregelten Weg, sucht es sich einen eigenen. Das kann fatale Folgen haben“, sagt Süß. Staut sich das Quellwasser nämlich an den falschen Stellen, kann es eine ganze Bastion ins Rutschen bringen. Jetzt kommen die Schlitze ins Spiel, die von außen unsichtbar sind. „Sie wirken wie eine Sollbruchstelle“, erklärt Süß. Die Außenmauer der Festung sieht von innen also aus wie ein perforierter Briefmarkenbogen. „Sollte jetzt doch etwas ins Rutschen kommen oder sollten die Angreifer durch Beschuss doch Erfolg haben, dann würde nur ein Abschnitt kontrolliert einbrechen, der Rest bliebe stehen.“

Das hat all die Jahrhunderte geklappt. Die Festung wurde niemals eingenommen. Vor gut 250 Jahren versuchte General von Knobloch vom 10. bis 13. Mai 1759 mit 7000 Mann noch einmal eine Belagerung – die Preußen scheiterten. Oben scheint die Sonne. Süß zieht es wie an einer Schnur gezogen über die nördlichen Bastionen. „Die Kronacher heiraten gerne hier oben. Wir haben inzwischen zwei Trauflächen im Freien und eine im Inneren, an denen man sich das Ja-Wort geben kann.“ Auf über 23 Hektar überbauter Fläche verlaufen sich drei Hochzeiten und manchmal auch die Bräute. Süß kennt die Schlupflöcher und hat auch die Schlüssel dafür.

Er taucht ab in weitere Gänge, die sich verzweigen. Hier geht es in die Gärten auf den abgesenkten Flanken – die letzten waren noch bis in die 2000er-Jahre verpachtet – , dort zum Parkplatz im Äußeren Wallgraben. Die ehemalige Ausfallpforte wurde kurzerhand zum Eingang für Schauspieler und Filmteam, als Hollywood 2018 auf der Festung drehte. In die andere Richtung geht es immer tiefer ins Innere der Bastion IV St. Philipp. Irgendwann, ganz tief unten, gibt es so etwas wie einen einzigen Lichtstrahl, fahl und magisch. „Wir sind jetzt ganz unten“, sagt Süß. Um ihn herum hallen seine Worte. Die Stimmung ist fast wie in einer Kathedrale. Von oben ist das Jauchzen von Kindern zu hören. Der „Kugelbrunnen“ genannte, quadratische Schacht wurde als Ableitung für die unter der Bastion vorhandenen Quellen geplant. Ist die Festung für Oberirdische bereits eine Welt für sich, in der die Zeit eine andere ist, so hat sich hier unten die Welt noch einmal ein Stück in eine entrücktere Welt gedreht.

Die Jahrhunderte scheinen noch in der Luft zu hängen, als wäre hier unten trotz ständigem Luftstroms niemals gelüftet worden. Jeder Schritt ist ein Schritt im Damals, die Gänge sind original-behauen aus einer Zeit, in der alles nur von Hand ging – bis auf einen Teil der fingerförmigen Gänge. Gegenüber des neuen barrierefreien Eingangs im Norden der Festung sind die Falkenlöcher zu sehen – runde Öffnungen im Mauerwerk der Bastion St. Lothar.

In der ehemaligen Artilleriekasematte hinter diesen Löchern hallen die Worte ebenfalls, doch die Füße stehen auf Beton. „Hier wollten die Nazis in den letzten Kriegsmonaten noch Teile des Messerschmidt-Düsenjägers Me 163 produzieren“, so Süß – und haben dafür  Betonböden eingegossen. Sie sind so massiv, dass auch sie zumindest scheinbar ewig währen. Allerdings sind die Räume im Inneren dieser Bastion von Anfang an zur militärischen Nutzung geplant gewesen. „Sehen Sie diese Flanke? Wer von hier aus die Wallmauern stürmen wollte, lief genau in die Schusslinie dieser Stellung“, erklärt Süß. Zur Verteidigung standen hier schon vor über 300 Jahren Kanonen. Ihre Schläge wären für die Soldaten im Inneren irrsinnig laut gewesen sein, der Rauch zog nach oben. Die Löcher für den Abzug sind noch erhalten.

Eine letzte Kurve schlägt Süß noch in einen Gang, der sich wie ein Schneckenhaus immer weiter dreht. Hier lagerte das Schwarzpulver. „Sollte beim Zünden mal etwas schief gehen, war das Pulver hier sicher, sonst wäre die ganze Kasematte in die Luft geflogen“, so Süß. Wo man hinschaut, die Gefahr lauert immer von außen und innen zugleich.