
… ein Paar, das allen Bedenken trotzte
Komm rein. Menschen aus der Region lassen uns eintreten in ihr Zuhause. Sie zeigen uns, wie sie wohnen und leben. Dieses Mal begeistert uns ein über 300 Jahre altes Fachwerkhaus in Reundorf.
„Romantisches Lichtenfels“, so steht es auf der Postkarte – darauf abgedruckt ein Gemälde von Josef Reinlein. Es zeigt das alte Gemeindehaus in Reundorf, im Hintergrund ist Kloster Banz zu erkennen. Romantisch trifft es ziemlich gut. Nur, dass das alte Fachwerkhaus mit seinen roten Holzbalken und dem kleinen Türmchen in Wirklichkeit noch malerischer ist. Gewissermaßen der Inbegriff von pittoresk. Selbst heute, an einem verregneten Herbsttag. Die Rosen im Garten sind fast verblüht, reife Äpfel liegen auf einem Gartentisch und von drinnen scheint warmes Licht durch die Fenster.
Antje und Adolf Nemmert öffnen die Tür und bitten hinein, in das, was man früher einmal die „gute Stube“ nannte. Ein Feuer brennt im Kaminofen, wir nehmen gegenüber Platz an einem langen Eichenholztisch mit Blick in die Küche. Auf einen der Deckenbalken ist das Baujahr des Hauses gepinselt: 1701. Weit über 300 Jahre reicht seine Geschichte zurück. „Zunächst war es ein Armen- und Hirtenhaus“, erzählt Adolf. Hirten auf Wanderschaft konnten hier nächtigen und auch ihre Tiere im Stall unterbringen – heute ist der Stall ihr Wohnzimmer. In späteren Jahren diente es als Gemeindehaus, auch die örtliche Feuerwehr war hier untergebracht. Und bis Reundorf eine eigene Kirche bekam, gab es hier einen Betsaal – deshalb auch das Türmchen. Als im Jahr 1987 Antje und Adolf das Haus von der Stadt Lichtenfels kauften, war es seit zehn Jahren nicht mehr bewohnt und in keinem guten Zustand. Antje erinnert sich: „Wir kannten uns damals erst seit zwei Jahren, hatten nicht viel Geld, aber den Traum vom eigenen Haus. Ein bisschen blauäugig waren wir schon. Ich weiß noch, wie wir mit unserem Bankberater das Haus besichtigt haben. Er hat ein ganz schlechtes Gesicht gemacht und uns abgeraten.“ Letztlich konnte er sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen.
Glück hatten sie mit ihrem Architekten: Konrad Fischer. Er hatte sich auf alte Häuser spezialisiert. „Er hat einen Plan gemacht und ist alles professionell angegangen“, erzählt Antje. Hinzu kam, dass auch die beiden handwerklich begabt sind. Antje ist gelernte Korbflechterin und Adolf betreute Häuser für einen Immobilienmakler in Lichtenfels. Auch ihre Familien packten fleißig mit an. Trotz der vielen helfenden Hände sollte es vier Jahre dauern, bis sie endlich einziehen konnten. Das kann wohl jeder nachvollziehen, der sich auf das Abenteuer einlässt, ein altes Haus zu renovieren: Erst einmal wird es schlimmer, bevor es besser wir. Und es braucht viel Vorstellungskraft und Fantasie, sehen zu können, was einmal sein kann. „Manchmal“, so Antje, „hat es einen Ruck getan und es ging vorwärts. Dann wieder hat man kein Ende gesehen. Kleinzeug, wie Putz abklopfen, hat ewig gedauert. Das war frustrierend.“ Sie blickt zu ihrem Mann und sagt über ihn: „Er hat eine stoische Geduld. Er fängt etwas an und zieht durch bis er fertig ist.“
Das war 1991. Die beiden beziehen das Haus und ihr gemeinsames Leben. Sie heiraten, bekommen eine Tochter, und füllen das Haus mit Menschen. Viele Familienfeiern finden hier statt. Und in der gemütlichen Ferienwohnung begrüßen sie Gäste. Haus und Garten tragen ihre Handschrift. Das Haus gehört zu ihnen und umgekehrt. Und mit den Jahren verändert es sich mit ihren Wünschen und Ansprüchen. „Zu werkeln gibt es immer was“, weiß Adolf. Zuletzt haben sie das Badezimmer renoviert. Die Badewanne kam raus und wurde ersetzt durch eine große ebenerdige Dusche mit Sitzbank. Die Nemmerts denken in ihrem geschichtsträchtigen Haus immer auch an die Zukunft. „Wir wollen hier alt werden“, sagen sie.

Die Nemmerts bewohnen den älteren Teil des Hauses von 1701 mit seinem Türmchen, im Anbau von 1850 ist eine Ferienwohnung untergebracht. Sie hatten schon Gäste aus Holland, der Normandie und Irland.

1701 erbaut. Die Nemmerts ziehen 290 Jahre später ein. 1991 wurde ihnen auch die Bayerische Denkmalschutzmedaille verliehen und 1997 der Baupreis „Goldener Ammonit“.

„Romantisches Lichtenfels“, nennt der Maler Josef Reinlein sein Gemälde.


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