
Es ist ein sonniger Sonntag im Mai. Nachmittags. Ruhe vor dem Sturm im Bräustüble in Meschenbach im Landkreis Coburg: Regelmäßig klingelt das Telefon, Reservierungen werden notiert. Besteck wird liebevoll auf Hochglanz poliert. Aus der Küche dringt das rhythmische, dumpfe Geräusch vom Klopfen der Schnitzel. Obwohl das Gasthaus erst um 17 Uhr öffnet, sitzen die ersten spontanen Gäste bereits im idyllischen Biergarten und blinzeln in die Sonne. Das eine oder andere Kaltgetränk wandert bereits über den Tresen. Mittendrin steht Charlotte, die hier alle nur Lotte nennen. Die 25-Jährige begrüßt fast jeden mit Vornamen. Routinierte Gelassenheit. Doch hinter dieser entspannten Art verbirgt sich eine Reife, in die sie viel zu schnell hineinwachsen musste. Es gab einen Moment in ihrem Leben, an dem die Uhren plötzlich stillstanden – und sie über Nacht das Gewicht von fast einem halben Jahrtausend Geschichte auf ihren jungen Schultern tragen musste.
Ein Wirt als Institution
Das Bräustüble Meschenbach ist eines der ältesten Gasthäuser in der Region. Seit 1557 existiert es und ist seitdem immer im Familienbesitz. Gegründet wurde das Bräustüble damals als Ergänzung zur Brauerei Meschenbach. Nachdem diese im Jahr 1977 geschlossen wurde, blieb das Gasthaus als unerschütterliches Herzstück bestehen. Es war lange verpachtet, bis Lottes Vater im Jahr 1989 die Führung wieder zurück in die Hände der Familie holte. Joachim Müller, von allen nur liebevoll „Jockel“ genannt, war im Dorf eine Institution. Über drei Jahrzehnte hinweg füllte er das historische Haus durch seine ansteckende Herzlichkeit und eine wunderbare Unbeschwertheit mit Leben. Jockel war ein Mann der Geselligkeit, der immer einen losen Spruch parat hatte, leidenschaftlich alte Schellackplatten und Grammophone sammelte und damit abends die Gäste musikalisch beglückte.
„Man kam einfach immer gerne her“, fasst Lotte das Lebenswerk ihres Vaters zusammen.

Das Wirtshaus als Kinderzimmer
Für sie war das urige Gasthaus von Beginn an ihr Kinderzimmer. Schon als Kleinkind saß sie im Hochstuhl in der Küche und beobachtete fasziniert das Team beim Klößemachen. Später spielten Vater und Tochter „Einkaufen“: Lotte flitzte mit einem Korb ins Lager, holte die Vorräte und reichte sie ihm nach oben auf das Küchenregal. Dass sie das Bräustüble einmal übernehmen würde, war für die Stammgäste stets ein offenes Geheimnis. Alle sagten: „Klar macht das die Lotte mal weiter“, doch sie bremste damals noch scherzhaft: „Gucken wir mal.“
Ein Wendepunkt in Rekordzeit
Eigentlich sieht der Plan ganz anders aus. Lotte macht zunächst eine Ausbildung zur Malerin, spürt im Sommer 2022 dann aber doch den Ruf ihrer Wurzeln und will an der Hand ihres Vaters langsam in den Betrieb hineinwachsen. Doch die Zeit wird ihr nicht gewährt. Im November erkrankt Jockel schwer an Bauchspeicheldrüsenkrebs, im Januar 2023 stirbt er. Plötzlich ist Lotte Chefin.
„Und auf einmal bist du jetzt irgendwie hier verantwortlich, dass deine Jahreszahl nicht die letzte ist.“

Meschenbach rückt zusammen
Als der Tag der Übernahme unter diesen tragischen Umständen kommt, steht Lotte vor einem Berg an Aufgaben. Ohne ihre Mutter, die im Hintergrund die Fäden zusammenhält, hätte „schon mal gar nichts geklappt“. Doch auch das Dorf rückt zusammen. Als die erste Kirchweih ansteht, hilft die Dorfgemeinschaft beim Zeltaufbau und berät die junge Wirtin, wie viele Bräten sie für den Ansturm vorbestellen muss. Lotte wächst Stück für Stück in ihre neue Aufgabe hinein.
Treffpunkt fürs ganze Dorf
Sobald die Türen heute öffnen, füllt sich das Haus. Im Biergarten und in der urigen Gaststube trifft Jung auf Alt. Ob Grapefruit-Limonade oder frisch Gezapftes, die Getränke gehen im Minutentakt über den Tresen. Das Bräustüble ist der absolute Knotenpunkt der Gemeinde. „Irgendjemand kennt immer irgendwen“, lacht Lotte. Man verabredet sich nicht zwingend gezielt, man kommt einfach zusammen. Das zeigt sich auch in der Verbundenheit zur Feuerwehr, in der Lotte aktiv ist. Aus Respekt voreinander finden Feuerwehrfeste traditionell an den Ruhetagen des Bräustübles statt.

Vegane Impulse und die legendäre Pizza
„Natürlich soll die DNA vom Haus komplett gleich bleiben“, betont Lotte. Doch sie setzt behutsam neue Akzente. Neben Cordon Bleu, Currywurst und Käsespätzle zieren mittlerweile auch vegane Gerichte die Karte. Unantastbar bleibt hingegen die legendäre „Meschenbacher Pizza“, ein Hausklassiker seit den frühen 80er Jahren: „Die ist nicht wie beim Italiener, das ist einfach unsere Pizza.“

Ein leises Lächeln und der Blick nach vorn
Mittlerweile steht die Sonne tiefer. Der unwiderstehliche Duft von Pizza und Schnitzel zieht durch die Gaststube. Alles läuft routiniert ab. Es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre. Lotte steht mittendrin, geerdet und mit einer spürbaren Souveränität.„Ich bin total glücklich und stolz darüber, dass es so angenommen wird“, reflektiert sie den Trubel. Wenn man sie fragt, was ihr Vater Jockel heute zu ihr sagen würde, wird sie für einen kurzen Augenblick ruhig. „Ich habe mich in den drei Jahren so verändert, bin so gewachsen. Ich kann gar nicht abschätzen, was Papa heute zu mir sagen würde.“ Sie hält inne. „Aber ich glaube, es freut ihn schon sehr, dass es kein Tapetenwechsel von jetzt auf nachher ist und dass es in seinem Sinne bleibt.“
Dann bricht sich ein liebevolles Lächeln Bahn: „Früher hat Papa immer gesagt, ich schäle zu viel von den Kartoffeln weg. Aber das hat sich jetzt auch geändert.“

Lotte hat die jahrhundertealte Geschichte des Hauses nicht als Pflicht, sondern als Herzensaufgabe angenommen. Jockels Geist lebt in jeder Ecke dieses Hauses weiter. Doch es ist Lotte, die das Herz des Bräustübles heute schlagen lässt. Die Geschichte, die 1557 ihren Anfang nahm, geht weiter. Jockels Erbe ist in sicheren Händen, und Lotte schreibt nun stolz ihr völlig neues, eigenes Kapitel.


Neueste Kommentare