Sommer dahamm

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?!“ Jahrelang haben wir uns diese Frage gestellt und den Refrain vom guten alten Rudi Carrell vor uns hingeträllert, wenn‘s im Juli wieder tagelang geregnet hat oder wir das Gartenfest im August wegen 15 Grad Außentemperatur nach innen verlegen mussten. Heuer ist es nun endlich mal anders, und doch stöhnen alle: „Wedder, die Hitz‘ is so brudaal, da kannst fei goar nimmer nausgeh‘! Also iech lass die Rollos runter und bleib dahaam!“

Daheimbleiben findet der Monaco gar keine schlechte Idee. Jahrzehntelang wollten wir immer nur weg. Nach Mallorca, an die Adria oder nach Kroatien. Hauptsache Sonne. Jetzt haben wir zuhause Sonne. Und ein „All-inclusive-Paket“ gleich mit dabei! Mit einer Luftfeuchtigkeit, die uns dreimal täglich duschen und mindestens genauso häufig das T-Shirt wechseln lässt. Mit einer unbändigen Sehnsucht nach klimatisierten Räumen und mit der Erkenntnis, dass die Eisdiele um die Ecke die gleiche Anziehungskraft auf uns ausübt wie Grönland auf Donald Trump.

Nein, wir brauchen keine Fernreisen mehr, wir brauchen Fernbedienungen. Für die Raumklimageräte, die uns schnelle Abkühlung dank „Turbocool-Luftstrom“ versprechen, und für die Ventilatoren. Einen für jedes Zimmer und einen für die Balkonpflanzen, denen man nicht mehr nur gut zuredet, sondern dazu zärtlich anbläst, damit sie länger durchhalten und sich nicht hängen lassen. Quasi Viagra für die Pflänzla!

Die bisher höchste je gemessene Temperatur in Oberfranken liegt bei knapp unter 39 Grad Celsius, gemessen im Juli 2023. Bei der jüngsten historischen Rekord-Hitzewelle im Juni sprang das Thermometer fast genauso hoch; auf über 38 Grad. Da stellt sich dann schon die Frage: Warum überhaupt noch in die Türkei, nach Italien oder Spanien reisen? Sehen wir es doch mal so: Im August hat die Adria gefühlt Badewannentemperatur. Groß abkühlen ist da nicht. Do kann iech aa in unseren Dorfweiher springa und mich mit’m Gartenschlauch abspritzen. Und verzichten muss man auch bei einem Heimaturlaub auf nichts – auch nicht aufs Wellnessprogramm. Dazu gehört, morgens um sechs durchzulüften und stündlich die aktuelle Staffel des Wetterberichts zu verfolgen wie eine Netflix-Serie. „Und morgen dann, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, 39 Grad. Lokal 40.“ Lokal? Saach amoll, wo is’n dieses Lokal, und ham die aa Schaddenblädz?

Vielleicht gibt`s dort ja auch ein Eis und man kann den „Eisheiligen“ frönen, auch wenn sie hierzulande anders heißen als in mediterranen Gefilden: Langnese, Schöller und Mövenpick! Alternative: Erfrischungsstäbla essen! Überhaupt das Essen: Im Süden quält man sich mit Meeresfrüchten ab, deren anatomischer Aufbau mindestens ein Bachelor-Studium der Biologie erfordert, nur um am Ende festzustellen, dass man hauptsächlich Panzer und Fühler auf dem Teller hat. Und manchmal sogar Augen. Wenn die Gunga oder die Fraa dann soochd, „des konn ich ned essen, wenn mich des so o’schaut“, spätestens dann wünscht man sich die bewährte fränkische Brotzeit zurück. Gut, eine Bratwurst bei 38 Grad im Schatten erfordert eine gewisse Konstitution und ein robustes Herz-Kreislauf-System. Aber dafür weiß man, was man hat und die Verdauung läuft unter diesen Bedingungen ohnehin im Standby-Modus.

Der Freizeitwert ist sowieso enorm. Selbst bei Affenhitze. Die vielen Freibäder – so sie die Kommunen noch bezahlen können – laden ein zum Tête-à-tête auf der Liegewiese. Fast so eng an eng wie am Strand von Rimini, bloß dass alle a bisserla blasser aussehen. Hat sich aber nach eineinhalb Stunden in der prallen Sonne mit Lichtschutzfaktor 4-Sonnenmilch schnell erledigt! Oder man geht wandern. Am besten durch die fränkischen Wälder, die viel Schatten spenden oder noch besser auf einem der vielen Bierwanderwege in der Fränkischen Schweiz. Hier besteht auch keine Gefahr, dass man austrocknet! Einfach immer den Bierkrüüchla an den Baumstämmen folgen! Außerdem ist Bier bekanntlich eh viel verträglicher als des saure G‘söff, das man uns im Urlaub gern als Mords-Fetzn-Spezialität aufschwatzt. Sangria, Retsina, Valpolicella – naa, geh fei weiter mit dem Zeich!

Am Ende ist der Sommer dahaam vor allem eines: eine Lektion in Demut. Wir haben ihn gerufen, nun ist er da. Und wir ertragen ihn mit der uns eigenen, stillen Tapferkeit. Wir schwitzen, trinken a boar Seidla auf die Völkerverständigung und flüstern leise in die flirrende Nachmittagshitze: Rudi, alter Freund, wo immer du jetzt bist: Wir nehmen alles zurück. A bissla Regen wäre fei auch amool wieder ganz schee. Nur so für die Pflänzla.

Schätzla, schau wie iech schau!