„Niemand aus dem Zug überlebte“

„Ich versuche, den Menschen gerecht zu werden“, sagt Manfred Brösamle-Lambrecht. Er hat die Geschichte des Deportationszuges Da 49 recherchiert und aufgeschrieben. Am 25. April 1942 setzte sich der dritte und letzte Zug aus Franken in „den Osten“ in Bewegung. „Im Zug Da 49 befanden sich 13 Jüdinnen und Juden aus Altenkunstadt, 17 aus Bamberg, zehn aus Burgkunstadt, fünf aus Coburg, acht aus Kronach, sieben aus Kulmbach, neun aus Lichtenfels sowie zwölf aus anderen Gemeinden, die heute in Oberfranken liegen“, schreibt Brösamle-Lambrecht.

Es geht um die Menschen. Um jede und jeden Einzelnen. „Das NS-Regime wollte diese Menschen und ihre Biografien einfach verschwinden lassen. Das darf nicht gelingen, auch über 80 Jahre nach den Verbrechen nicht“, sagt der Autor. Seit neun Jahren halten den Geschichtslehrer des Meranier-Gymnasiums die Geschichten in Atem. Angefangen hat es mit einem Umschlag im Keller des Landratsamtes. Darin waren 13 Führerscheine, die 1938 jüdischen Autofahrern abgenommen wurden. „Ich hätte sie einfach ins Archiv schicken können“, erinnert sich Landrat Christian Meißner. Doch er nahm sie und ging damit nach nebenan in die Schule, die er früher einmal selbst besucht hatte. Brösamle-Lambrecht war damals noch im Dienst. Er machte sein letztes P-Seminar daraus, ohne zu wissen, welche Kreise diese Arbeit ziehen würde. 14 Schülerinnen und Schüler machten sich an die Arbeit, den Namen nachzugehen, sich den Biografien zu nähern, Nachfahren zu suchen und in manchen Fällen auch zu finden. Die Führerscheine wurden nach 80 Jahren denen ausgehändigt, deren Vorfahren die systematische Vernichtung der Juden irgendwie überlebt hatten.

Eine von ihnen war Inge Stanton. Sie hatte als Neunjährige die Novemberpogrome in Lichtenfels erlebt. Im Film „Inge“ von Rachel Schlesinger erzählt sie: „Die Nazis brachen die Tür ein, kamen ins Haus und zerstörten alles, was sie finden konnten, jedes Stück Glas, alles Geschirr warfen sie durch die Fenster… Keine offenen Fenster. Durch die Fensterscheiben.“ Genau diese Inge Stanton war als 88-Jährige wieder in Lichtenfels. Sie war dabei, wie die Führerscheine zurückgegeben wurden. Doch wo ihr Onkel Alfred Oppenheimer zu Tode kam, war unklar. „Er verschwand in irgendeinem Konzentrationslager im Osten“, so Stanton. Dieses Schicksal teilen allein fünf der 13 Führerscheinbesitzer. „Diese Lücke blieb. Sie war ein Ansporn, die letzten Wochen der Juden vom Obermain zu rekonstruieren“, so Brösamle-Lambrecht.

Mit der Abfahrt des Zuges waren keine personenbezogenen Daten mehr verfügbar. „Ich konnte nur noch kollektiv arbeiten. Mit jedem Detail, mit jedem Tag wurde es grauer und undurchsichtiger“, erzählt er. Nach der Recherche im Internet und in Archiven machte er sich irgendwann auf den Weg. Mit dem Filmteam aus New York, das auch die Geschichte der 13 Führerscheine verfilmte, fuhr er ins heutige Polen auf dem Weg des Deportationszuges von 1942. Sie trafen wissenschaftliche Mitarbeiter, die wie er versuchten, die Details zu erforschen und zu Biografien zusammenzusetzen. Das Konzentrationslager Majdanek war die Verwaltung der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Heute ist dort unter anderem die zentrale Asservatenkammer. „Hier zeigten uns die wissenschaftlichen Mitarbeiter den sorgfältig archivierten Gepäckaufnäher von Ernst Liebermann aus Altenkunstadt“, sagt der Autor. In der riesigen Menge von Resten aus 1.600.000 Leben, die in diesen drei Lagern endeten, versucht er wieder Biografien zusammenzusetzen. „Mir geht es weder um Warnung noch um Schuld – ich möchte das Leid dieser Menschen nachzeichnen. Sie werden damit wieder ein Teil des kollektiven Gedächtnisses. Niemand kann sie mehr wegwischen.“

Himmler wollte das Generalgouverment Polen bis Ende 1942 „judenfrei“ machen - durch dieErmordung von zwei Millionen Menschen. Odilo Globocnik (links) war für ihn der geeignete Mann,
um diese Pläne umzusetzen.

Himmler wollte das Generalgouverment Polen bis Ende 1942 „judenfrei“ machen – durch die Ermordung von zwei Millionen Menschen. Odilo Globocnik (links) war für ihn der geeignete Mann, um diese Pläne umzusetzen.

„Angesichts der Dimension dieses Verbrechens besteht die Gefahr, dass die einzelnen Schicksale aus dem Blick geraten. Jedes einzelne Opfer hatte seine Geschichte, seine Erinnerungen und Zukunftspläne, seine Hoffnungen und Träume“, schreibt Dr. Ludwig Spaenle, der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus im Vorwort. Er hat auch geholfen, an Details zu kommen. So gab es eines der wenigen Interviews einer Zeitzeugin aus Kraśniczyn. Die Aufnahme war dreieinhalb Stunden lang und auf Ivrit (heutiges Hebräisch), polnisch und russisch. „Dr. Spaenle hat es ermöglicht, dass uns diese unschätzbare Quelle verschriftlicht auf Deutsch zur Verfügung stand. Prof. Dr. Gareis aus New York vermittelte eine Übersetzerin aus Jerusalem, deren mündliche Übersetzung wurde von Prof. Ryoya Terao, New York, ins Englische transkribiert und dann von mir ins Deutsche übersetzt“, erzählt Brösamle-Lambrecht. Doba Furst beschreibt darin, wie die Wehrmacht 1939 in ihr Dorf kam. „Mitten am Tag kamen sie mit Motorrädern… Sie kamen einfach an und sie blieben… Nein, sie waren nicht vernünftig. Sie kamen und begannen gleich zu töten. Sie kamen an und töteten.“

Max Hellmann (1889-1942), Händler für Öle und Schmierstoff e, und seineEhefrau Katinka Hellmann (1893-1942), deportiert aus Lichtenfels.

Max Hellmann (1889-1942), Händler für Öle und Schmierstoff e, und seine Ehefrau Katinka Hellmann (1893-1942), deportiert aus Lichtenfels.

Die Insassen des Deportationszuges Da 49 mussten vom nächsten Bahnhof 17 Kilometer in dieses Ghetto laufen. „Ein neunjähriger polnischer Junge war Augenzeuge des Marsches und fand nach dem Vorüberziehen der Opfer das Fotoalbum der 16-jährigen Serry Adler aus Urspringen, Evakuierungsnummer 337, im Straßengraben. Er behielt es bis zu seinem Tod im Jahr 2012“, schreibt Brösamle-Lambrecht – er konnte es einsehen, weil die Nachfahren es im Archiv abgegeben hatten. Er zitiert einen Brief, der von Katinka und Max Hellmann überliefert ist – Max war einer der Führerscheininhaber: „Lebet Wohl meine Lieben. Mehr kann ich heute nicht schreiben. Herzl. Grüße und Küsse Euer Onkel Max.“ Die beiden wurden am 6. Juni in Sobibor ermordet. „Niemand aus dem Zug überlebte.“ Es lagen fünfeinhalb Wochen zwischen der Abfahrt und ihrem Tod“, sagt Manfred Brösamle-Lambrecht. Er hat versucht, diese Zeit so gut es ging nachzuzeichnen – bis hin zu den Wetteraufzeichnungen.

Der Deportationszug Da 49 brachte 27 Kinder unter zwölf Jahren und 88 Jugendliche von 13 bis 18 Jahren in den Tod. Vom Obermain waren dies Hans-Peter Steinbock (5) und Eva Kraus (18) aus Burgkunstadt, Margot Wolf (Foto, 14), Liesel Ruth Liebermann (14) und Ernst Liebermann (16) aus Altenkunstadt sowie Ernst Loewy (16) aus Kronach. Die Jüngste war Lana Sara Ackermann, geboren am 6. August 1941 in Aidhausen. Sie erlebte ihren ersten Geburtstag nicht.

Jetzt bleibt ihm nur noch eins: Die Alten. Über sie recherchiert und schreibt er gerade: „Ihr Weg lief über Theresienstadt – begonnen hat es oft mit der Überweisung in ein jüdisches Altenheim. Dort hatte die SS ab 1939 direkten Zugriff und nutzte diese Einrichtungen als eine Art Konzentrationslager.“ Dann ist niemand mehr übrig. Die Nazis haben alle jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner vom Obermain vertrieben oder ermordet. Bis Manfred Brösamle-Lambrecht fertig ist, nach jeder einzelnen Biografie zu forschen, werden zehn Jahre vergangen sein. „Das Thema ist furchtbar. Und ich bin es der Würde jedes einzelnen Menschen schuldig.“