
… EINE MACHERIN UND IHR KÜNSTLER
Komm rein. Menschen aus der Region lassen uns eintreten in ihr Zuhause. Sie zeigen uns, wie sie wohnen und leben. Dieses Mal imponiert uns eine Dame mit rot lackierten Nägeln. Und ihren Mann lernen wir auch kennen.
600.000 Kilometer. Das war der letzte Zählerstand von Christine Ressels altem Golf TDI. „Ständig bin ich hin und her gesaust“, erinnert sie sich. Hin und her zwischen ihrem Zuhause in Köln und dem kleinen Ort Burkheim, wo sie und ihr Mann Gert 1997 ein verfallenes, denkmalgeschütztes Bauernhaus gekauft haben. Gert, Maler und Kunsthistoriker, stammt aus Seubelsdorf und hat seine Kindheit hier verbracht. „Ich hab es geliebt“, erzählt er und spricht von Franken als seiner „Herzensheimat“. Zeit seines Lebens zog es ihn zurück in die Region und der Wunsch reifte, eines Tages ein Haus hier zu besitzen. Als das Ehepaar während eines Urlaubs Ende der 1990er das Kreisgartenfest in Burkheim besuchte, erspähte Gert das alte Haus – davor ein Schild „zu verkaufen“. „Es war ruinös, aber ich habe das Juwel gesehen“, erinnert er sich. Sie unterschrieben den Kaufvertrag. Die Erinnerung lässt Christine heute noch die Hände vor die Augen schlagen: „Als wir nach dem Kauf am Haus vorbeikamen, hab ich nur gesagt: Fahr weiter, ich will es nicht sehen.“ Sie ahnte, was auf sie zukommt. Gleichzeitig reizte sie die Herausforderung.
Heute, fast drei Jahrzehnte später, spürt man, wie sehr das Haus zu ihrem geworden ist. Sie ist stolz. Christine Ressel ist eine bemerkenswerte Frau. Sie strahlt eine mühelose Eleganz aus. Ihr Haar ist zum Bob geschnitten, durchzogen von silbrigen Strähnen, sie trägt dezente Perlenohrringe und einen grauen Rollkragenpullover. Umso mehr leuchten die rot lackierten Nägel.
Die Nägel waren es auch, dass man ihr hier auf dem Dorf eine Sanierung nicht zutraute. „Die sahen mich und glaubten nicht, dass ich zupacken kann.“ Darüber kann Christine Ressel herzlich lachen. Überhaupt lacht sie viel, vor allem über sich selbst und erzählt lebendig. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sie nach „ein paar Gläschen Himbeergeist“ die Dorfbewohner für sich gewinnen konnte. Sie widmete sich schließlich Vollzeit dem Projekt Haussanierung. Ihre beiden Kinder waren damals schon aus dem Gröbsten heraus. Ihren Job gab sie auf: „Ich habe mir den Luxus erlaubt, zuhause zu bleiben und meine Zeit zwischen Köln und Burkheim aufzuteilen.“ Von sich selbst sagt sie: „Ich war schon immer emanzipiert und selbstständig. Was ich nicht konnte, habe ich mir selbst beigebracht.“
Während Gert Sozial- und Kulturwissenschaften an der Hochschule lehrte und als Künstler arbeitete, orchestrierte Christine die Bauarbeiten. Gert spricht mit Bewunderung und Anerkennung über seine Frau: „Christine hat die Fähigkeit, Leute so zu behandeln, dass sie sie gleichermaßen lieben und respektieren.“ Eine wichtige Eigenschaft, wenn es viele Gewerke und Arbeiter anzuleiten gilt. Er gibt zu: „Sie ist strenger, als ich es je sein könnte.“
Überhaupt sind die beiden in ihrem Wesen sehr verschieden. Er, ein hochgewachsener, schlanker Mann mit ungezähmtem grauem Haar, strahlt Ruhe aus. Er sucht die Stille, geht gerne spazieren und verarbeitet Momente des Alltags und Eindrücke des Lebens in seinen Bildern. Christine kann nur schwer still sitzen und ist ständig am Wuseln. Das Haus und die Scheune wollen gepflegt werden. „Ich liebe es zu putzen“, sagt sie. „Dann mache ich mir fetzige Musik an und los geht’s.“
So unterschiedlich die beiden auch sein mögen, was das Haus betrifft, waren sie immer einer Meinung. „Erstaunlich“, findet Gert. Beiden war es wichtig, den Charakter des Hauses zu wahren – dazu zählte auch der Erhalt der angrenzenden Scheune. Auch die haben sie nach dem Haus aufwendig renoviert.
Bis heute leben die beiden abwechselnd in Köln und Burkheim – ein Leben zwischen Stadt und Land. An beiden Orten sind sie zuhause. Zuletzt haben sie vier Wochen in Köln verbracht. „Viel zu lang“, meint Christine. Schließlich gibt es hier in Burkheim immer etwas zu tun. „Ich habe, seit wir hier sind, jeden Tag gearbeitet“, sagt sie und zeigt zum Beweis ihren vollgeschriebenen Kalender. Sie wirkt nicht, als würde sie es bedauern.











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