Macherin: Ruth Vollrath

Es sind Menschen der Tat, Nimmermüde, Antreiber, Gestalter, Vorwärtsstrebende, Aktive. Es gibt sie auf der großen Bühne, seltener im Verborgenen, aber auch da. Sie stellen sich vor. Im LICHTENFELSER. In jeder Ausgabe einer oder eine – Männer und Frauen oder Diverse. Dieses Mal: Ruth Vollrath

In Bad Staffelstein leitet Geschäftsführerin und Einrichtungsleitung Ruth Vollrath das Seniorenstift am Obermain. Vor vier Jahren übernahm sie ein Haus mit vielen freien Plätzen, es fehlte an Fachpersonal, die Lage war schwierig. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Fast alle Stellen und Plätze sind besetzt. Im Besprechungsraum hängt ein buntes Flipchart aus einem Workshop: Ein Baum steht für die gemeinsame Haltung – Vertrauen, Sicherheit, Qualität und respektvoller Umgang. Zeit für ein Gespräch übers Machen.

LICHTENFELSER: Was braucht eine Macherin heute an Qualitäten?

Ruth Vollrath: Für mich beginnt alles mit einer positiven Haltung gegenüber anderen Menschen. Ich bin innerlich überzeugt: Wir schaffen das. Das prägt meine Arbeit und idealerweise auch das Umfeld. Dazu kommen Motivation und Durchhaltevermögen, gerade nach Rückschlägen, sowie Tempo und Flexibilität, um Dinge wirklich umzusetzen. Ich arbeite schnell, achte dabei aber auf die Balance: Ich gehe voran, ohne die anderen zu verlieren. Ich sehe mich als Navigationssystem – die Richtung gebe ich vor, gefahren wird gemeinsam und eigenverantwortlich.

LICHTENFELSER: Wo geht die Fahrt denn gerade hin?

Ruth Vollrath: Die Fahrt geht ganz klar in Richtung Menschlichkeit – und zwar konsequent. Am Anfang steht immer der Mensch: Kolleginnen und Kollegen, Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige. Alles dreht sich darum, wie wir im Alltag miteinander umgehen und füreinander da sind. Darauf folgt der Prozess. Er muss einfach, klar und für alle verständlich sein. Jeder soll unter denselben Bedingungen teilnehmen können. Und erst danach kommt die Wirtschaftlichkeit. Diese drei Aspekte gehören zusammen – und genau in dieser Reihenfolge. Ein gutes Beispiel dafür, wohin die Reise geht, ist die Digitalisierung in der Pflege. Wir führen gerade Spracherkennung für die Dokumentation ein. Das System hört zu, schreibt mit und schlägt direkt die passende Zuordnung in der Pflegeakte vor. Pflegekräfte können direkt am Bett oder im Flur sprechen, und die Technik übernimmt den Rest. Wer in die Pflege geht, entscheidet sich für Menschen – nicht fürs Schreiben. Am Ende bleibt mehr Zeit für den Menschen.

LICHTENFELSER: Wie haben Sie gemerkt, dass Sie eine Macherin sind?

Ruth Vollrath: Das hat sich für mich ziemlich früh gezeigt – direkt nach meiner Ausbildung zur OP-Fachkraft. Ich habe schnell gesehen, wie Prozesse eigentlich gedacht sind und wo sie im Alltag nicht funktioniert haben. Mir wurde schnell klar: Wer wirklich etwas verändern will, muss Verantwortung übernehmen und Gestaltungsspielraum gewinnen. Nur mitzudenken reicht nicht. Die Haltung „Da kann man eh nichts machen“ war für mich nie eine Option. Genau das hat meinen Antrieb verstärkt, Dinge anders zu denken und anzupacken. Also habe ich studiert, um aktiv Verantwortung zu übernehmen und gestalten zu können.

LICHTENFELSER: Und wie ging es dann weiter?

Ruth Vollrath: Auch nach dem Studium hat sich zunächst nicht alles grundlegend verändert. Die Strukturen blieben im Kern gleich, weiterhin geprägt von Abhängigkeiten. Der Unterschied war: Ich hatte nun eher die Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen – vorausgesetzt, man ließ es zu. Die Wege wurden zwar kürzer, Entscheidungen direkter, aber auch dort gab es Vorgesetzte, die aus unterschiedlichen Gründen gebremst haben. Irgendwann war für mich klar: Wenn ich wirklich etwas verändern will, dann nicht nur innerhalb bestehender Strukturen. Also habe ich bewusst einen Betrieb gewählt, der Veränderung brauchte…

LICHTENFELSER: Was war dabei der Schlüssel?

Ruth Vollrath: Für mich war und ist die Haltung entscheidend: „Jeder ist wichtig.“ Das klingt einfach, braucht aber Zeit, bis es im Alltag wirklich gelebt wird. Es reicht nicht, das zu sagen – es muss in Prozessen und im Miteinander ankommen. Dabei geht es darum, wie ich Menschen begegne, wie ich Stärken erkenne und mit Schwächen konstruktiv umgehe. Genau daraus hat sich für mich die Rolle des Coaches entwickelt, die ich bewusst angenommen habe.

LICHTENFELSER: Was brauchen die Menschen heute?

Ruth Vollrath: Heute bieten wir Mitarbeitenden viele attraktive Rahmenbedingungen – von tariflicher Bezahlung über Bonusmodelle bis hin zu flexiblen Arbeitszeiten. Gleichzeitig braucht es Verlässlichkeit im Betrieb. Die Grenzen zwischen Arbeit und privatem beziehungsweise familiärem Kontext verschwimmen zunehmend – das ist bis zu einem gewissen Grad sinnvoll und zeitgemäß. Entscheidend ist dabei ein stabiles Fundament: klare, für alle geltende Regeln und die Haltung, dass jede und jeder Verantwortung für das Ganze übernimmt. Wenn dieses gemeinsame Fundament fehlt, entsteht schnell eine Erwartungshaltung, dass der Betrieb immer mehr „Wohlfühlleistungen“ erfüllen soll. Dann kippt das Gleichgewicht – und genau das gilt es zu vermeiden.

Das Gespräch führte Tim Birkner