
… Gerber
Wer heute am Steinweg 49 vorbeigeht, ahnt kaum, dass sich hinter der schlichten Sandsteinfassade des 2011 sanierten Hauses eine typische Coburger Geschichte verbirgt: die Geschichte eines Handwerks, das nach Leder, Wasser und harter Arbeit roch – die Gerberei.
Um 1760 lässt der Rotgerber Friedrich Carl Dietz das dreigeschossige Wohn- und Geschäftshaus errichten. Es ist ein Neubeginn auf alten Fundamenten: Ein bestehender Gewölbekeller bleibt erhalten, darüber entsteht ein Gebäude, das Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereint – ganz im Sinne seiner Zeit.
Dietz gehört zu den sogenannten Loh- oder Rotgerbern, einer spezialisierten Form der Gerberei. Mit Eichenlohe gegerbte Rinderhäute werden zu robustem Leder verarbeitet – für Stiefel, Sohlen, Sättel und zahlreiche Gebrauchsgegenstände des Alltags. Die charakteristische rötlich-braune Färbung des Leders gab den Handwerkern ihren Namen: Rotgerber.
Dieses Handwerk benötigt große Mengen Wasser und damit die Nähe zu einem Gewässer. Am Steinweg bot der Hahnfluss ideale Voraussetzungen. Der Nebenarm der Itz, der seit 1968 verrohrt ist, verlief einst unmittelbar unterhalb des Hauses. Noch heute erinnern Straßennamen wie Lohgraben, Gerbergasse oder Hahnmühle an die Zeit, in der die Gerber das Stadtbild Coburgs prägten. Der Hahnfluss dürfte allerdings weniger einem idyllischen Bach geglichen haben als vielmehr einem stark belasteten Gewässer, in das die Abwässer zahlreicher Handwerksbetriebe eingeleitet wurden.
Am rückwärtigen Teil des Anwesens, in Richtung Hahnfluss, befinden sich bis heute die für diese Zeit typischen Laubengänge. Die offenen, überdachten Gänge erschlossen die Wohnungen und dienten nicht nur architektonischen Zwecken. Sie erzählen vom Alltag einer Epoche, in der viele Wohnungen noch über keine eigenen Sanitäreinrichtungen verfügten. Stattdessen nutzten die Bewohner Etagen- oder Hofklosetts, die meist am Ende des Laubengangs oder im Innenhof lagen. Die Laubengänge ermöglichten einen einigermaßen geschützten Zugang zu diesen Einrichtungen.
Im Laufe der Jahrzehnte verändert sich das Gebäude vergleichsweise wenig. Der Natursteinboden in der großzügigen Eingangshalle ist bis heute erhalten, ebenso die historischen Hoftüren und die kleinen mechanischen Klingelanlagen, die längst außer Betrieb sind. Die heutigen Zimmertüren stammen überwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ebenso einzelne Holzkassettendecken.
1881 wird das Haus von einem Brand betroffen. Das Hinterhaus muss neu aufgebaut werden, das Vorderhaus erhält dabei seine markanten Dachgauben. Aus dem ehemaligen Gerberhaus entwickelt sich nach und nach ein Gebäude mit unterschiedlichen Nutzungen – für Handel, Wohnen und städtisches Leben.
Zwischen allen Veränderungen bleibt die Erinnerung an seine ersten Bewohner erhalten: an die Gerber, die hier lebten und arbeiteten und den Geruch von Leder und Lohe durch die Straßen trugen. Mit der Industrialisierung und modernen Produktionsverfahren verschwand ihr Handwerk allmählich aus dem Stadtbild. Die Spuren ihrer Arbeit aber sind am Steinweg 49 bis heute sichtbar.


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