
Arbeitsplatz Front
Das Leben des Bamberger Kriegsberichterstatters Till Mayer
Nein, Spaß macht es nicht, sich mit Till Mayer zu unterhalten. Was aber nicht an seiner Person liegt, sondern an seinem Beruf. Oder besser gesagt: Seiner Berufung. Der in Bamberg wohnhafte Till Mayer ist Kriegsberichterstatter. Alle zwei Wochen reist er in die Ukraine und dokumentiert den russischen Angriffskrieg. Eine Lebensaufgabe, wie er es nennt.
Bei knapp 30 Kriegen war der 1972 geborene Miesbacher Till Mayer vor Ort, immer mit der Intention, das Kriegsgeschehen anhand von Geschichten zu dokumentieren. Seine Eindrücke fasst er sachlich zusammen. „Menschen verlieren ihre Heimat, Familienmitglieder, Freunde. Sie durchleben unfassbare Härte – das haben alle Kriege gemeinsam.“
2014 marschierten russische Truppen gewaltsam in den Donbas ein, besetzten die Krim. 2017, als der Krieg in der Ostukraine in Deutschland weitgehend verdrängt war, begann ihn Till Mayer als Langzeitprojekt zu dokumentieren. Er gehörte zu den wenigen Journalisten, die dabei konstant vor einer Eskalation warnten.
Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 bereist er die Ukraine im monatlichen Rhythmus. Er zeigt den Krieg mit seiner Kamera und ergreifenden Geschichten, zeigt Soldaten in ihren Stellungen, feuernde Geschütze, spricht mit Müttern, die ihre Söhne verloren haben oder dem ehemaligen Kriegsgefangenen, der nach russischer Folter und Misshandlungen wieder die Ukraine verteidigen will: unfassbar kämpferisch und willensstark.

Von Gut und Böse
Er habe noch nie einen Krieg erlebt, in dem so klar war, wer die Guten und wer die Bösen sind. „Es gibt nichts, das den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine rechtfertigt“, ist Mayer überzeugt. Und weiter: „Für Wladimir Putin zählen hunderttausende Menschenleben nichts. Auch nicht die seiner eigenen Soldaten.“
Heute reist Till Mayer im Zwei-Wochen-Rhythmus von Bamberg ins ukrainische Kriegsgebiet. Helm und Schutzweste gehören dann in sein Gepäck, wenn er auch direkt im Kampfgebiet seine beeindruckenden Fotos macht. Sein Ziel: Von jeder seiner Reisen zwei Reportagen mitzubringen – eine zum Beispiel so nah wie möglich an den Kämpfen im Frontgebiet, eine aus dem Hinterland. Um zu zeigen: In der ganzen Ukraine sind die Menschen vom Krieg betroffen.
Dabei arbeitet Mayer seit 2017 mit einem ukrainischen Kollegen zusammen. Oles Kromplias war 2014 Frontsoldat, geriet in Kriegsgefangenschaft und muss laut Gesetz deshalb nicht mehr dienen. „Wir schätzen den Gefahrenhorizont der verschiedenen möglichen Themen ein und entscheiden dann: Was können wir umsetzen“, erklärt Mayer.
Durch Kamikaze-Drohnen sei die Arbeit nahe der Front sehr gefährlich geworden. Es gebe heute hinter der ersten Verteidigungslinie der Ukrainer eine sogenannte Todeszone. Diese reiche etwa 20 Kilometer tief ins Hinterland. „Hier jagen russische Kamikaze-Drohnen oft genug auch Zivilisten. Der Tod kann jeden Augenblick kommen.“ Auf Journalisten, die im Regelfall auf ihren Schutzwesten auch ein Pressebadge tragen, werde von russischen Drohnenpiloten gezielt Jagd gemacht, berichtet Mayer. Kolleginnen und Kollegen wurden dabei getötet. Er selbst musste schon Schutz suchen.


Mayer berichtet von einer Begegnung mit einer Mutter aus Kupiansk. Sie begrub gerade ihren Sohn in einem Granatentrichter vor ihrem Haus. Er war von russischen Soldaten gezielt getötet worden. Ein Scharfschütze hatte auch auf sie geschossen, als sie den Leichnam bergen wollte.
„Diese Begegnung mit ihr werde ich nie vergessen“, schildert der 54-jährige Mayer. „Am meisten beeindruckt mich immer wieder die Widerstandskraft, die die Ukrainerinnen und Ukrainer inzwischen entwickelt haben. Sie lassen sich ihre Freiheit nicht nehmen, glauben fest an die Zukunft ihres Landes.
Es geht in diesem Krieg nicht nur darum, ob nun eine russische oder eine ukrainische Fahne über einem Rathaus weht. Es geht darum, dass die Menschen weiter in Freiheit leben wollen.“
„Putin hat ein echtes Problem“
Gibt es auch Zuversichtliches zu berichten? Aktuell, so die Überzeugung Mayers, habe Putin ein echtes Problem. Es läuft nicht gut für den russischen Aggressor.
Die Ukrainer erreichen mit selbstentwickelten Waffen inzwischen russische Raffinerien hunderte Kilometer von der Grenze entfernt. Mit dem Verkauf von Öl und Gas finanziert Putin den Krieg. Das sind echte Wirkungstreffer. An der Front haben die Ukrainer mit gezielten Drohnenangriffen die Logistik der russischen Armee schwer beschädigt.
„Putins Wut bekommen alle Ukrainerinnen und Ukrainer zu spüren: Mit Raketen und Drohnen zerstört Russland gezielt Wohnhäuser, Kliniken, Kirchen und Kultureinrichtungen in der ganzen Ukraine. Die Angriffe nehmen zu. Sind aber von Anfang an Teil der russischen Kriegsführung gewesen.“
Ob Till Mayer bei all dem Schrecken, den er alle 14 Tage erlebt, einen Wunsch habe, wollte der „BAMBERGER“ zum Abschluss des beeindruckenden Gesprächs von ihm wissen. „Ja, arbeitslos zu werden, weil der Krieg zu Ende ist. Mit einem gerechten Frieden und keiner russischen Besatzung“, so die überraschende Antwort von Mayer. Aber eigentlich hat er schon einen Plan für den Frieden. „Dann mache ich ein Reisebuch über die Ukraine“, sagt er.
Auszeichnungen:
Coburger Medienpreis 2012, 2015, 2018, 2020 und 2022; Ehrenpreis des Dr. Georg Schreiber-Medienpreises 2015; European Newspaper Award 2021; Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes; Höchste Auszeichnung des Ukrainischen Roten Kreuzes; „Humiroir“ des DRK-Landesverbands „Badisches Rotes Kreuz“; Ehrung durch den Nationalrat der Ukraine 2026.
Foto- und Reportagenbände:
„Roter Winkel, hartes Leben“ (Verlag Herder, 2007); „Abseits der Schlachtfelder“ (Erich-Weiß-Verlag, 2010); „Barriere:Zonen“ (Erich-Weiß-Verlag, 2015); „Dunkle Reisen“ (Erich-Weiß-Verlag, 2018); „Donbas – Europas vergessener Krieg“ (Erich-Weiß-Verlag, 2019); „Ukraine – Europas Krieg“ (Erich-Weiß-Verlag, 2022); „Europas Front – Krieg in der Ukraine“ (ibidem-Verlag, 2024); „Widerstand – Freiheitskampf der Ukraine“ (ibidem-Verlag, 2026).
Außerdem zahlreiche Ausstellungen.
Mehr unter www.tillmayer.de


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