Symphoniker-Intendant Marcus Rudolf Axt im Gespräch

Die Bamberger Symphoniker sind das einzige Orchester von Weltruf, das nicht in einer vibrierenden Metropole beheimatet ist. Etwa zehn Prozent der heimischen Bevölkerung haben eine der fünf Konzertreihen abonniert, in vielen Fällen bereits seit Jahrzehnten. Die „Magnetwirkung“ des Klangkörpers geht aber vor allem nach außen. Als Reiseorchester tragen die Symphoniker seit 1946 ihren charakteristisch dunklen, runden und strahlenden Klang und das musikalische Echo ihrer Heimatstadt in die ganze Welt hinaus. Mit rund 8.000 Konzerten in über 500 Städten und 64 Ländern wurden sie zum Kulturbotschafter Bayerns und ganz Deutschlands. Regelmäßig sind sie auf Tourneen z. B. in den USA, in Südamerika und Asien unterwegs und werden von renommierten Konzerthäusern und Festivals weltweit eingeladen. Ihren Auftrag beschreiben die Bamberger Symphoniker deshalb in kurzen Worten mit „Resonating worldwide“. Im Gespräch mit dem BAMBERGER erklärt Symphoniker-Intendant Marcus Rudolf Axt das Geheimnis hinter dem einmaligen Klang „seines“ Orchesters und die musikalischen Momente in seinem Leben, die ihm ewig in Erinnerung bleiben werden.

BAMBERGER: Welche besonderen thematischen Schwerpunkte stehen in der Saison 2026/27 hinter dem Motto BEWEGT und welche besonderen Herausforderungen oder Glücksmomente sehen Sie dabei auf die Bamberger Symphoniker zukommen?

MARCUS RUDOLF AXT: Musik entsteht aus Bewegung – nicht nur als bewegte Luft, sondern auch in unserem Hören. So wie wir äußerlich durch Ereignisse und Handlungen bewegt werden, so bewegt uns im Inneren meist das, was passiert, wenn die Zeit stillzustehen scheint: ein besonders gefühlvoller, langsamer Satz einer Symphonie. Oder der klanglich gewaltige Ausbruch des ganzen Orchesters bei Mahler, Bruckner und Schostakowitsch. Musik bewegt also die Sinne, die Herzen und die Seele, und daher haben wir dieses kleine Wort mit großer Wirkung unserer neuen Saison als Motto vorangestellt.

BAMBERGER: Welche Programmpunkte und Konzerte stehen in der Saison 2026/27 bei Ihnen ganz vorne – und warum sind diese aus Ihrer Sicht besonders bedeutsam?

MARCUS RUDOLF AXT: Ein Fixpunkt der neuen Saison sind Ludwig van Beethovens Symphonien – 200 Jahre nach seinem Tod bewegt seine Musik immer noch, und er hat alle Komponisten beeinflusst, die nach ihm kamen. Aber Beethoven hat nicht nur die Musik, sondern auch Literatur, Kunst und Gesellschaft, sogar die Politik bewegt – bis hin zur „Ode an die Freude“ aus dem Finale der Neunten Symphonie.

Neben der Musik von Beethoven in vielen Konzerten mit unserem Chefdirigenten Jakub Hrůša freuen wir uns auch auf eine namhafte Reihe von Gastdirigent:innen, die uns erneut oder auch zum ersten Mal in Bamberg inspirieren werden, darunter Semyon Bychkov, Alan Gilbert, Mirga Gražinytė-Tyla, Vladimir Jurowski und Kent Nagano.

BAMBERGER: Können Sie uns von einem unvergesslichen Konzert- oder Probenmoment berichten, der Sie in den letzten Jahren besonders geprägt hat?

MARCUS RUDOLF AXT: Uff! Das ist eine schwierige Frage. Es gibt immer wieder Konzerte, in denen etwas Magisches entsteht und Gänsehaut verursacht. Aber Sie fragen ja nach einem prägenden Moment: Das war sicherlich der Blitz und Donnerschlag direkt nach dem Konzert, das Jakub Hrůša zum Chefdirigenten befördert hat. Bei knapp 40 Grad im Schloss Herrenchiemsee endete eine großartige Aufführung von Smetanas „Mein Vaterland“ und der Himmel öffnete seine Schleusen.

Dieses Werk von Smetana hat uns mehrere Jahre lang begleitet, auch auf einer großen und sehr erfolgreichen Europatournee. Danach haben wir es quasi live auf Vinyl aufgenommen und für die Ewigkeit konserviert. Ein paar Exemplare davon haben wir noch in unserem Shop.

BAMBERGER: Welche außergewöhnlichen Erfahrungen oder Erlebnisse haben Sie auf Tourneen rund um den Globus gesammelt, die Sie als Intendant inspiriert haben?

MARCUS RUDOLF AXT: Jede Tournee bringt neue Erfahrungen und Einsichten. Generell ist es für die künstlerische Qualität des Orchesters wichtig, regelmäßig in den bedeutendsten Sälen der Welt zu gastieren. Wenn sich die Bamberger Symphoniker in der Carnegie Hall in New York oder der Suntory Hall in Tokio mit den anderen großen Orchestern der Welt messen, ist dies ein Indikator für die herausragende Qualität unseres Klangkörpers.

Darüber hinaus sind es oft die Begegnungen mit dem Publikum, die uns inspirieren. Strahlende Gesichter auf der „anderen Seite der Welt“ und Erzählungen der Konzertbesucher:innen, wann sie unser Orchester zum ersten Mal gehört haben – oft schon Jahrzehnte her – und wie das ihr Leben verändert hat.

Wir verstehen uns als Diplomaten der Kultur, und Musik ist die Sprache, die alle Menschen weltweit verbindet und Brücken bauen kann – das gilt in der heutigen Zeit noch mehr.

BAMBERGER: Wie wirken sich die Partnerschaften mit Chefdirigent Jakub Hrůša und dem Stammensemble auf die Programmgestaltung und die künstlerische Dynamik aus?

MARCUS RUDOLF AXT: Mehr als ein Jahrzehnt lang bewegt Jakub Hrůša bereits die Herzen des Bamberger Publikums und seines Orchesters. In dieser Zeit hat er das Orchester auch qualitativ in der Weltklasse verankert und eine musikalische und menschliche Partnerschaft mit unseren 112 Musikerinnen und Musikern begründet, die jeden Abend im Konzert spürbar wird.

Wenn wir z. B. Symphonien von Dvořák, Brahms oder Bruckner über die Jahre immer wieder spielen und interpretatorisch verfeinern, spürt man diese Symbiose im fast blinden Vertrauen aufeinander, in dem ganz besondere, spontane Musikmomente entstehen können.

BAMBERGER: Welche Rolle spielen Ausnahmemusiker im Ensemble, und wie gelingt es, die Frische junger Talente mit der Erfahrung der langjährigen Orchestermusiker zu vereinen?

MARCUS RUDOLF AXT: Das Geheimnis des besonderen und einzigartigen Bamberger Klangs hängt damit zusammen. Unsere Musikerinnen und Musiker sind normalerweise bis zur Rente im Orchester, manche sogar mehr als 40 Jahre. Diese Erfahrung geben sie an die jungen Kolleginnen und Kollegen weiter und dadurch trägt sich die Spieltradition über viele Jahre und Jahrzehnte weiter.

Konzertmeister, Stimmführer und Solisten spielen dabei natürlich eine führende Rolle, wenn sie künstlerisch ihre Stimmgruppe tragen. Aber eigentlich sind alle Bamberger Symphoniker Ausnahmemusiker, denn dieses Orchester ist in seiner Weise einzigartig, weil es aus so vielen profilierten Individuen besteht, die im Orchester zusammenkommen, um mit großer Spielfreude gemeinsam zu musizieren. Dieser Teamgeist ist schon sehr besonders in Bamberg.

BAMBERGER: Was macht für Sie das schönste Konzerterlebnis aus: ein intimes Kammerkonzert, ein großes Gala-Konzert oder ein dramatisches Orchesterereignis?

MARCUS RUDOLF AXT: Das schönste Konzert ist meistens das, in dem ich gerade sitze. Das haben wir über ein, zwei Jahre programmatisch überlegt und vorbereitet, und wenn dann der Moment kommt, wo ein Programm, das wir „auf dem Papier“ erdacht haben, im Moment der Aufführung einen besonderen Zauber entfaltet, dann ist das ein besonders schöner Moment.

BAMBERGER: Haben Sie eine persönliche Lieblingsmelodie oder -suite, die Sie immer wieder gerne auch mal zu Hause genießen?

MARCUS RUDOLF AXT: Ich höre pro Jahr rund einhundert Konzerte, nicht nur mit den Bamberger Symphonikern. Da ist so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Nun habe ich ja den großen Vorteil, in unserer Programmplanung für Bamberg auch persönliche Vorlieben mit einbringen zu können – die Konzerte entstehen durch den Dialog mit den Dirigenten und Solisten. Daran sehen Sie schon sehr gut, was ich gerne höre. Zu Hause genieße ich dann aber auch einfach Stille, Gespräche mit der Familie oder ganz andere Musik: Jazz, Chansons, italienische Cantautori, auch mal Indie-Pop.

BAMBERGER: Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Gibt es ein ganz besonderes Projekt, welches Sie unbedingt noch mit den Bamberger Symphonikern realisieren?

MARCUS RUDOLF AXT: Ich bin ja bereits 13 Jahre in dieser Position – einer der schönsten Jobs im Musikmanagement, aber bisher sind mir die Ideen noch nicht ausgegangen. Es gibt eine Reihe von künstlerischen Wünschen für die nächsten Jahre. Wenn wir nur mal über Tourneen reflektieren: Nach über 80 Jahren Orchestergeschichte mit Konzerten in über 500 Städten in 64 Ländern ist es schwierig, noch neue Orte zu „erobern“.

Land Nr. 65 steht auf meiner Wunschliste ganz oben. Vielleicht wird es Kanada oder, falls eine gute Fee kommt und uns einen Reisekostenzuschuss gibt, Australien!

Die Fragen stellte Bernd Oelsner.