
Wenn Mobilität zum Lebensinhalt wird
Es gibt Menschen, die fahren Auto. Und es gibt Menschen, die fahren Alfa Romeo, mehr noch, sie leben Alfa Romeo. So wie Jürgen Schneyer aus Coburg, stolzer Besitzer von zwei knallroten Alfa Romeo. Er schraubt an ihnen, er pflegt sie, er restauriert sie – und wenn er von ihnen erzählt, klingt es ein wenig so, als würde er über seine Familie sprechen. „Eigentlich sind sie wie kleine Kinder“, sagt der 63-Jährige und muss dabei selbst ein wenig lachen.
Beide Alfas stammen aus den 1960er-Jahren, beide sind Klassiker der italienischen Automobilgeschichte, beide gehören zu seinem Leben. Und beide fährt Schneyer bis heute – im Wechsel, je nach Lust und Laune. Der eine ist ein Alfa Romeo GT Junior aus dem Jahr 1966, inzwischen sechs Jahrzehnte alt und nach einer sieben Jahre dauernden Restaurierung kaum von einem Neuwagen zu unterscheiden. Der andere, Baujahr 1969, ist seine große automobile Jugendliebe. Schneyers erstes eigenes Auto. Und eigentlich der Anfang einer lebenslangen Beziehung.

Die Geschichte beginnt 1981. Jürgen Schneyer ist 18 Jahre alt, hat gerade den Führerschein gemacht und zunächst ein Auto zur Verfügung, das ihn zuverlässig von A nach B bringt: einen Ford Granada, „irgendwas völlig Uninteressantes“, wie er heute sagt. Während andere in seinem Alter von einem VW Golf GTI träumen, sucht Schneyer etwas anderes. Etwas, das ihm wirklich gefällt. Dann findet er es.
Einen Alfa Romeo, Baujahr 1969. Ohne TÜV. Für 250 Mark. „Ich habe das Auto gekauft, nach Hause genommen und dann sechs bis zehn Wochen die Garage belegt“, erzählt er. Bremsen erneuern, Roststellen beseitigen, das Auto wieder fit machen. Viel Arbeit für einen jungen Mann, der eigentlich gerade sein Abitur machen sollte. „Ich habe deswegen mein Abitur versaut“, sagt Schneyer trocken. Ein Jahr musste er dranhängen.

Bereut hat er die Entscheidung trotzdem nie. Denn dafür hatte er nun einen Alfa. Und was für einen. Während die Mitschüler im Golf unterwegs waren, fuhr Schneyer italienische Automobilkultur. Der Alfa war nicht nur schöner, sondern auch schneller. Je nach Modell und Motorisierung erreichen die beiden Klassiker heute noch Geschwindigkeiten von rund 190 beziehungsweise mehr als 200 Stundenkilometer. Wichtiger aber ist das Gefühl dahinter: ein Auto, das noch gefahren werden will und nicht einfach nur bewegt wird. Schneyer machte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Noch hieß der Beruf so, wie er heute kaum noch heißt: Mechaniker, nicht Mechatroniker. Es war eine Zeit, in der man ein Auto noch mit Werkzeug, Erfahrung und Geduld verstand. Und Schneyer lernte sein Handwerk. Sein Alfa blieb über viele Jahre sein Alltagsauto – bis das Leben ihn in die Ferne führte.

16 Jahre verbrachte er beruflich im Ausland. Ägypten, Indonesien, viele Jahre Malta. Die beiden Alfas blieben währenddessen in Deutschland. Einer stand in einer gemieteten Garage, der andere fand Unterschlupf in einer alten Scheune. Mitnehmen konnte Schneyer sie nicht. Vermisst hat er sie. „Definitiv. Ganz definitiv“, sagt er. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Autos ihn auch in der Ferne nicht ganz losließen. Auf Malta, wo es sechs oder sieben Monate im Jahr Saison gibt und danach die Werkstätten weniger zu tun haben, arbeitete Schneyer zeitweise als Oldtimer-Restaurator.
Als Schneyer zurück nach Coburg kam, arbeitete er bei einer auf Oldtimer spezialisierten Firma. Und irgendwann war es an der Zeit, sich wieder seinem eigenen Alfa zu widmen. Dem 1966er. Der war in einem erbärmlichen Zustand. So schlecht, dass sich beim Zerlegen herausstellte, dass kaum noch etwas richtig zusammenpasste. Also begann Schneyer von vorne.

Bis auf das nackte Blech wurde der Alfa in seiner kleinen Werkstatt in Lautertal zerlegt. Alte Lackreste wurden entfernt, Roststellen herausgetrennt, Bleche eingeschweißt. Die Achsteile wurden überholt und restauriert, der Unterboden in Wagenfarbe lackiert. Sieben Jahre dauerte die Restaurierung. Wie viele Arbeitsstunden tatsächlich darin stecken, lässt sich nicht mehr sagen. Nur eines weiß Schneyer ziemlich genau: Hätte er die Arbeit komplett in einer professionellen Werkstatt machen lassen, wäre eine sechsstellige Summe zusammengekommen. Heute bescheinigt ein Wertgutachten dem Alfa einen Wert, der einem Neuwagen entspricht.

Doch Geld ist bei dieser Geschichte ohnehin nur eine Randnotiz. Denn Schneyer hat die Autos nicht restauriert, um sie irgendwann möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Er hat sie restauriert, um sie zu behalten. Mit beiden Autos fährt er regelmäßig. Die Reaktionen sind fast immer dieselben: Daumen nach oben, anerkennende Blicke, Gespräche an der Tankstelle. Besonders der vollständig restaurierte 1966er zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Selbst beim Alfa-Romeo-Museum in Italien war man beeindruckt. Eine der ersten Fahrten nach der Restaurierung führte Schneyer dorthin. Später wurde sogar eines seiner Fotos für einen Alfa-Romeo-Kalender ausgewählt.
Und ein modernes Elektroauto? Ein Neuwagen? Für ihn keine Option. „Ein Neuwagen oder irgendwas Elektrisches kommt mir niemals unter die Finger“, sagt er. Das klingt bei ihm weniger nach grundsätzlicher Technikfeindlichkeit als nach einer klaren Vorstellung davon, was ein Auto für ihn sein soll: etwas, das man spürt, hört und versteht. Ein Fahrzeug, das nicht versucht, das Fahren selbst zu übernehmen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Jürgen Schneyer seine beiden roten Alfas nicht einfach als Oldtimer betrachtet. Sie sind ein Stück Biografie. Der eine erinnert an den 18-Jährigen, der für 250 Mark ein Auto ohne TÜV kaufte und dafür beinahe sein Abitur opferte. Der andere erzählt von einem Mann, der nach Jahren im Ausland zurückkam und beschloss, ein hoffnungslos rostiges Stück Automobilgeschichte wieder zum Leben zu erwecken.
Und jetzt beginnt noch einmal ein neues Kapitel.

Mit 63 Jahren macht sich Schneyer erneut selbstständig. Als Kfz-Mechaniker und Oldtimer-Spezialist will er künftig eine kleine Werkstatt betreiben. Nicht für die großen und ganz teuren Klassiker, sondern für jene Oldtimer, deren Besitzer ihre Autos lieben, sich aber keine teuren Restaurationsrechnungen leisten können. „Oldtimer fahren muss bezahlbar bleiben“, lautet seine Idee. Es ist eine Nische, die zu ihm passt. Denn Schneyer weiß, dass ein altes Auto nicht nur einen materiellen Wert besitzt. Für viele Menschen ist es ein Stück Familiengeschichte, ein Jugendtraum, eine Erinnerung an eine Zeit, in der Autos noch Charakter hatten. So wie beim ihm selbst.
„Ich lebe ganz einfach meinen Traum von früher immer weiter“, sagt er, der Alfa-Mann aus Coburg.

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