Buchtipp: Ferdinand von Schirach – Anwalt der moralischen Zwischentöne

Der SPIEGEL nannte ihn einen „großartigen Erzähler“, die NEW YOR TIMES einen „außergewöhnlichen Stilisten“, der INDEPENDENT verglich ihn mit Kafka und Kleist, der DAILY TELEGRAPH schrieb, er sei „eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur“.

Was von Schirachs Werk auszeichnet, ist die Fähigkeit, juristische Fälle in existenzielle Fragen zu verwandeln. Er schreibt über Recht und Gerechtigkeit, über die Lücke zwischen beiden und darüber, dass diese Lücke oft dort entsteht, wo das Leben komplizierter ist als das Gesetz. Schon sein Debüt aus dem Jahr 2009, „Verbrechen“, wurde zum Bestseller. Die Kurzgeschichtensammlung basiert auf realen Fällen aus seiner Anwaltspraxis und zeichnet ein nüchternes, manchmal verstörendes Bild menschlicher Abgründe. Die Theaterstücke „Terror“ und „Gott“ zählen zu den erfolgreichsten Dramen unserer Zeit, in „Der Fall Collini“ thematisiert er die deutsche NS-Vergangenheit. Seine Bücher wurden vielfach verfilmt und zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als 40 Ländern. Für sein Werk wurde der Autor vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet.

Sein Großvater Baldur von Schirach war während der NS-Zeit Reichsjugendführer und später als Gauleiter von Wien für die Deportation der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Diese Seite seiner Familiengeschichte thematisiert von Schirach nicht explizit, doch schwingt sie in seinem Werk mit: Die Frage nach Schuld, Verantwortung und der Komplexität menschlichen Handelns.

Mit „Alexander“ erscheint am 25. Februar sein erstes Kinderbuch. Anhand der Geschichte eines Jungen aus der antiken Stadt Kaliste erklärt er die Grundzüge der Demokratie und spürt der Frage nach, wie wir friedlich miteinander leben können. Obschon das kluge, warmherzige und mit farbigen Zeichnungen des Autors bebilderte Büchlein in der Antike spielt, behandelt es – wie bei Ferdinand von Schirach nicht anders zu erwarten – hochaktuelle Themen: Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung. Und so ist „Alexander“ kein Buch nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene äußerst lesenswert. Bei der Lektüre wurde mir schmerzhaft bewusst, wie derzeit in vielen Ländern die Grundpfeiler der Demokratie geschliffen werden und dadurch die regelbasierte Weltordnung zunehmend ins Wanken gerät.

INHALTSANGABE „ALEXANDER“

Alexander wird von den Einwohnern seiner Heimatstadt Kaliste der Auftrag erteilt, „gute Gesetze“ zu finden. Nie wieder soll eine Tyrannei möglich sein, und nur einem Kind traut man zu, frei von gute Gesetze nach Hause bringt. Vorurteilen gerechte Regeln für das Zusammenleben zu finden. Alexander macht sich also auf den Weg und spricht mit ganz unterschiedlichen Menschen: einem Orakel, einem Modeschöpfer, einem Soldaten und einem echten Philosophen. Nach und nach kommt er so den Prinzipien der Demokratie auf den Grund. Doch die Zeit drängt, denn der König des Nachbarreiches droht, die Stadt zu überfallen – und nur Alexander kann das verhindern, wenn er rechtzeitig

VITA FERDINAND VON SCHIRACH

geboren 1964 in München, ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Sein Weg zur Literatur war ungewöhnlich: Erst nach jahrzehntelanger Tätigkeit als Strafverteidiger in Berlin begann er zu schreiben – und traf damit einen Nerv. Sein Cousin Benedict Wells ist ebenfalls ein erfolgreicher