
… Handwerker
Aus der Ketschengasse, da, wo der Platz sich gemütlich weitet, fällt der Blick auf Nummer 42 – ein Haus mit Ecken und Kanten, aber auch mit einer Seele, die Geschichten flüstert. Johann Anton Sturm, ein Leineweber mit Wurzeln in einer bierbrauenden Familie, sozusagen der Vorvater der Sturms Brauerei, ließ es 1800 umbauen. Aber die Geschichte dieses Fleckchens Erde reicht noch weiter zurück, denn seine Familie hatte den Altbau schon 1793 in ihre Obhut genommen. Der älteste Teil des Hauses reicht sogar in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück.
Wenn man in den Archiven blättert, staunt man. Im 19. Jahrhundert klapperten hier die Webstühle. Später, ab 1907, duftete es nach frischen Lebensmitteln, als die Familie Schramm ihren Laden eröffnete. Davor war es eher staubig: Johann Schramm ließ 1902 das Haus zur Schreinerei umbauen. Otto Leheis schwang den Hammer, und später legte Witwe Schramm noch Hand an. Schon zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert muss hier ein reges Treiben geherrscht haben. Mal war’s eine Korbwarenfabrik, dann wieder was anderes. Ständiges An- und Umbauen, das war hier die Devise.
Das Erdgeschoss, ursprünglich symmetrisch angelegt mit zwei äußeren, rundbogigen Schaufenstern sowie Laden- und Haustür in der Mitte, wurde 1907 umgestaltet, was zur heutigen Asymmetrie führte. Zwischen 2017 und 2020 wurde das Gebäude saniert. Räume für eine Praxis und fünf Wohnungen entstanden.
Eine bewegte Geschichte eben, die man seitens der Wohnbau Coburg im Rahmen der Sanierung möglichst bewahren wollte. Knarrende Holzböden, das Treppengeländer, alte Balken, die eine oder andere Türe – alles Zeugen vergangener Zeiten. Ein Balanceakt mit vielen Überraschungen während der Sanierungsphase, weiß man zu berichten. Der Südgiebel zum Beispiel hing mehr oder weniger in der Luft . Eine Stahlkonstruktion hat ihn gerettet.
Auch die 21 regionalen Firmen, die an der Sanierung beteiligt waren, hatten ihren Spaß, weil keine Wohnung der anderen gleicht, jede ist individuell geschnitten, die Decken sind unterschiedlich hoch. Ein Detail aber zieht sich im wahrsten Sinne des Wortes wie ein roter Faden durch das ganze Haus: die knallrote Farbe der Haustüre. Auch das Treppengeländer und der Laubengang zum Innenhof leuchten in diesem Rot, ein frecher Kontrast zum Grün der Fassade.
Heute ist die Ketschengasse 42 ein Schmuckstück. Ein Haus, das atmet, das erzählt. Ein Haus mit vielen Besitzern und noch viel mehr Geschichten. Ein Haus mit Vergangenheit und Zukunft – mitten in Coburg.



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