
Wie zwei junge Gründer mit ihrem Unternehmen den Beruf der rechtlichen Betreuung neu denken
Manchmal beginnt eine Unternehmensgeschichte nicht im Pitchdeck, nicht im Coworking-Space und nicht im Meetingraum – sondern irgendwie schon Jahrzehnte vorher – im Sandkasten. Dort, wo aus Ideen Burgen wachsen, wo Kinder gemeinsam Großes erschaffen: so wie Florian Knorr und Lukas Grell, Nachbarsjungs in Lichtenfels. Jetzt, Jahrzehnte später, packen die beiden wieder gemeinsam an, dieses Mal, um ein wirklich großes Problem zu lösen: den Beruf der rechtlichen Betreuung neu zu denken, von Bürokratie zu befreien, den Menschen zurück ins Zentrum zu holen und damit auch den Betreuern eine persönlich und wirtschaftlich attraktive Perspektive zu bieten.
Doch zunächst gehen beide eigene berufliche Wege. Lukas Grell entscheidet sich für die Welt der Zahlen, Betriebswirtschaft, Steuerwesen, Finanzanlagenberatung. Er arbeitet unter anderem als Verwaltungsleiter in der katholischen Kirche. Florian Knorr schlägt nach seiner Jugend eher den technisch-analytischen Weg ein: Informatik, Elektrotechnik, Systeme verstehen, Strukturen bauen. Auch er ist beruflich erfolgreich, arbeitet für ein großes Kronacher Unternehmen und trägt viel Verantwortung.

Doch so ganz verschwinden sie nie aus dem Leben des anderen. Ab 2020 gründen sie nebenbei immer wieder kleine Firmen, mal zu Rechtsberatung, mal mit Reinigungsmitteln. Die Zeit sei ihr „Schatzkästchen“ gewesen, aus dem sie heute schöpfen können, sagen sie rückblickend. Denn klar ist: Sie wollen einmal ihr eigenes Ding machen. „Wenn man angestellt ist, hat man verloren.“ Sie kündigen ihre Jobs.
Lukas Grell nämlich war im Rahmen seiner Arbeit für die katholische Kirche auch dem System der rechtlichen Betreuung begegnet und hatte sich ehrenamtlich eingebracht, bis er merkte: Der Job ist wichtig, aber zermürbend. Denn rechtliche Betreuung bedeutet, so sagt er, heute oft nicht Menschen bei ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen, sondern Formulare zu bearbeiten: Post erledigen, Fristen einhalten, Anträge schreiben, dokumentieren. Der Mensch bliebe dabei oft auf der Strecke, seine Würde, seine Rechte, seine Wünsche. Oft genug passiere sogar genau das Gegenteil – Bürokratie halt. Obwohl mit der Reform im Betreuungswesen 2023 gesetzlich dafür gesorgt wurde, den Menschen durch unterstützte Entscheidungsfindung aktiv bei eigenen Entscheidungen zu unterstützen.
Genau hier setzt das Konzept ihrer neuen Firma „Mein Betreuungsbüro“ an. Die Grundidee ist radikal einfach: Betreuung wird geteilt – in Mensch und Büro. Alles Administrative wird ausgelagert. Brieföffnung, Scans, Anträge, Schriftverkehr, Fallvorbereitung. Nicht als bloße Assistenz, sondern als strukturierte, proaktive Fallbearbeitung. Ein System, das mitdenkt. Der Betreuer selbst bleibt Entscheidungsträger, wird aber entlastet. Ein Klick statt Papierstapel, Freigabe statt Formularflut. Die Gründer sprechen von ihrem Betreuungsbüro als „digitalem Zwilling“, der alle Informationen bündelt und Handlungen vorbereitet, ohne sie zu ersetzen.
Das Ziel ist nicht nur Effizienz, sondern eine Verschiebung des Berufsbilds. Betreuung soll das werden, was auch gefordert wird: Zeit mit Menschen statt Zeit mit Akten. Gleichzeitig bauen sie ein neues Berufsprofil auf: den „Betreuungsfachangestellten“, der genau diese Büroarbeit standardisiert übernimmt. Ein Markt, der bislang stark fragmentiert ist, soll so strukturiert werden. Eine Chance also für Menschen, sich selbständig zu machen: Neueinsteiger in den Beruf.
Die Zahlen zeigen, wie groß der Bedarf ist: Rund 650.000 Menschen stehen in Deutschland in rechtlicher Betreuung, aber nur etwa 20.000 berufliche Betreuer existieren – viele davon älter, viele kurz vor dem Ruhestand. Jährlich werden rund 1.500 neue gebraucht.
Doch die beiden merken auch: Der Markt reagiert nicht nur freundlich. Behörden, gewachsene Strukturen, neue Regelwerke – alles zusammen macht den Einstieg schwierig. Mehr Kritik als Lob, mehr Skepsis als Applaus. Doch es gibt auch Rückenwind: eine staatliche Forschungs- und Entwicklungsförderung für KI im Betreuungswesen mit einem Fördervolumen von 1,2 Mio. Euro. Für die Gründer ein Baustein in einem größeren System, das sie nicht nur digitalisieren, sondern neu organisieren wollen.
Mein Betreuungsbüro
Lukas Grell und Florian Knorr
Telefon: 01579 2699700
E-Mail: info@mein-betreuungsbuero.de
Website: mein-betreuungsbuero.de


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