
Für Max Beyersdorf, Geschäftsführer der Bauunternehmung Otto Hauch, ist Mobilität weit mehr als die Frage, wie wir von A nach B kommen. Sie bedeutet geistige Offenheit, den Mut zum Aufbruch und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Gerade Unternehmen und Gesellschaften müssten wieder lernen, sich mehr zu bewegen. Der Coburger hat sich mit ihm unterhalten.
COBURGER: HERR BEYERSDORF, WENN SIE DAS WORT MOBILITÄT HÖREN – WORAN DENKEN SIE ZUERST?
MAX BEYERSDORF: Mobilität ist für mich ein Basisfaktor des Lebens. Erst durch Bewegung entsteht Wahrnehmung. Wenn ich mich auf den Weg mache, lerne ich neue Menschen kennen, komme mit anderen Lebenswelten und Gedanken in Kontakt. Daraus entstehen Ideen, und aus Ideen kann Begeisterung entstehen. Wer sich selbst nicht bewegt, läuft Gefahr, auch geistig stehen zu bleiben.
COBURGER: SIE MEINEN MOBILITÄT ALSO NICHT IN ERSTER LINIE KÖRPERLICH ODER TECHNISCH, SONDERN GEISTIG?
MAX BEYERSDORF: Genau. Geistige Beweglichkeit ist für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen für Entwicklung. Gerade im Baugewerbe erleben wir das jeden Tag. Bauen ist immer auch ein Ausdruck seiner Zeit, eine Reflexion des Zeitgeistes. Wenn ich die Wünsche meiner Kunden verstehen und gute Lösungen entwickeln will, muss ich wissen, was die Menschen beschäftigt und wie sie leben wollen.
COBURGER: KÖNNEN SIE DAS AN EINEM BEISPIEL FESTMACHEN?
MAX BEYERSDORF: Nehmen Sie die Architektur. Offenheit und Transparenz sind heute wichtige Themen. Große Fenster, offene Grundrisse, fließende Übergänge zwischen Innen und Außen – das sind Ausdrucksformen unserer Zeit. Solche Entwicklungen können wir als Unternehmen nur aufgreifen, wenn wir den Zeitgeist kennen. Dazu muss man offen sein, zuhören, beobachten und sich bewegen. Mobilität schafft Wahrnehmung – und Wahrnehmung schafft Möglichkeiten.
COBURGER: GLEICHZEITIG SCHEINT ES, ALS WÜRDEN WIR UNS GESELLSCHAFTLICH IMMER STÄRKER NACH SICHERHEIT SEHNEN.
MAX BEYERSDORF: Das ist tatsächlich eine Entwicklung, die ich kritisch sehe. Sicherheit ist natürlich wichtig. Aber wenn sie zum dominierenden Maßstab wird, verlieren wir möglicherweise etwas Entscheidendes: den Mut, einen Schritt ins Ungewisse zu wagen. Denn genau dort entstehen neue Optionen. Wenn ich immer nur das tue, was ich bereits kenne und was garantiert funktioniert, werde ich mich kaum weiterentwickeln.
COBURGER: WARUM FÄLLT UNS DIESER SCHRITT HEUTE SO SCHWER?
MAX BEYERSDORF: Vielleicht ist das auch ein Effekt unseres Wohlstands. Wir haben viel zu verlieren und wollen deshalb Risiken möglichst vermeiden. Aber eine Gesellschaft, die Zukunft gestalten will, braucht Ideen, Leidenschaft, Lust auf Neues und auch Mut. Wir sollten wieder stärker die Frage stellen: Was könnte eigentlich sein, wenn wir es einfach einmal versuchen?
COBURGER: WO SEHEN SIE DABEI DIE ROLLE DER VERSCHIEDENEN GENERATIONEN?
MAX BEYERSDORF: Wir brauchen ein Zusammenspiel der Generationen. Die ältere Generation verfügt über Erfahrung, Wissen und oft auch über die nötige wirtschaftliche Sicherheit. Die Jüngeren bringen andere Perspektiven, neue Fragen und eine größere Bereitschaft mit, Dinge grundsätzlich anders zu denken. Deshalb sollten wir den jungen Menschen Freiräume geben und ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu gehen – auch wenn dieser Weg nicht immer unseren Vorstellungen entspricht. Meine Tochter Miriam Hanloh ist inzwischen im Unternehmen und soll es perspektivisch in die nächste Generation führen. Für mich bedeutet das nicht, dass sie einfach das bisherige Modell fortführt. Sie soll ihr eigenes Modell entwickeln und eigene Antworten auf die Fragen ihrer Generation finden. Vielleicht könnte man sagen: Es geht um ein „Otto Hauch 5.0“.
COBURGER: IST DIESER GENERATIONENWECHSEL FÜR SIE EIN BEISPIEL FÜR GELEBTE MOBILITÄT?
MAX BEYERSDORF: Absolut. Es geht um Aufbruch, um Pioniergeist und darum, in Bewegung zu kommen. Wir dürfen Dinge nicht endlos diskutieren, bis am Ende niemand mehr weiß, warum man überhaupt angefangen hat. Natürlich muss man nachdenken und abwägen. Aber irgendwann muss man anfangen. Der Weg entsteht beim Gehen.
Wenn sich jeder mit seinen Möglichkeiten ein kleines Stück nach vorne bringt, entsteht daraus etwas Großes. Aber dafür müssen wir losgehen. Denn nur wer sich bewegt, kann auch etwas bewegen.
Die Fragen stellte Wolfram Hegen.

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