
Untragbar
Manchmal braucht es keinen großen Plan, sondern nur einen ersten Schritt. Für Fabian „Fabser“ Metzner wurde der Goldbergsee zum Wendepunkt seines Lebens. Dort begann er mit 277 Kilogramm seinen besonderen Weg. Eine Geschichte über Mut, Demut und die Kraft der Ausdauer.
Der Goldbergsee liegt still an diesem kühlen Morgen. Ein paar Enten ziehen ihre Bahnen, dürres Geäst streckt seine Fühler in den winterlichen Himmel, Spaziergänger umrunden wie jeden Tag das Wasser. Doch etwas ist anders: Auf dem Parkplatz steht ein kräftiger Zweimeterhüne, vor sich eine Schubkarre, darin acht Kästen Bier. „Ich wollte mir einfach noch einmal vor Augen führen, was 110 Kilo wirklich sind”, sagt er. Über einhundert Kilogramm – soviel Gewicht hat er über zwei Jahre hin abgespeckt. Er atmet tief durch, legt die Hände auf die Griffe, hebt an – und läuft los.

Vor gut zwei Jahren wog Fabian “Fabser” Metzner 277 Kilogramm. Ein Gewicht, das sein ganzes Leben bestimmte. „Diese 100 Kilo, die hatte ich ja in jeder Situation, beim Schuhe anziehen, beim Aufstehen, bei jedem Schritt.“ Der Alltag war schwer geworden, im wörtlichen Sinn. Energie sparen, Wege vermeiden, Pausen einlegen – das war Normalität. Bis zu jenem Morgen, an dem er aufwachte und spürte: Jetzt muss sich etwas ändern. Ohne großen Plan fuhr er damals zum Goldbergsee. „Ich hatte vorher keinen besonderen Bezug zu diesem Ort“, sagt er heute. „Ich bin einfach hingefahren und losgelaufen.“ Weit kam er nicht. Nach wenigen hundert Metern stand er erschöpft am Staudamm.
„Da ging nichts mehr. Ich habe überlegt, ob ich mir ein Taxi rufe.“

Ein Moment der Verzweiflung – und gleichzeitig der Anfang von allem. Fabian ging trotzdem weiter. Langsam. Sehr langsam. Und am nächsten Tag wieder. Und am übernächsten. „Für mich war diese Kontinuität das Entscheidende“, sagt er. „Ich gehe da jeden Tag hin, komme, was will.“ Kein Alkohol mehr, eine andere Ernährung – aber vor allem Bewegung, Tag für Tag. Keine Wunderdiät, keine radikale Kur. Nur viele kleine Schritte. So verlor er innerhalb von zwei Jahren mehr als hundert Kilogramm. „Die neue Leichtigkeit hat mir möglich gemacht, dass ich vieles wieder machen konnte, was lange unmöglich war.”

Um sich noch einmal bewusst zu machen, welchen Weg er schon geschafft hatte, entstand die Idee, das alte Gewicht noch einmal zu spüren. Am gleichen Ort, bei ähnlichem Wetter, mit den gleichen Gefühlen. Doch die Realität holte ihn schnell ein. Die acht Bierkästen zu tragen – unmöglich. „Keine Chance. Vielleicht habe ich es einen Millimeter hochbekommen.“ Auch der Versuch mit einem schweren mit Bierflaschen vollgepackten Rucksack und zwei Kästen in den Händen links und rechts scheiterte. Am Ende blieb die Schubkarre. Ein Kompromiss – und trotzdem ein Kraftakt. Zweieinhalb Kilometer mit über 100 Kilogramm Mehrgewicht – heute fast untragbar, vor zwei Jahren noch Alltag. Was er bei seinem Selbstversuch fühlte, überraschte ihn selbst. „Ich bin davon ausgegangen, dass sich Stolz einstellt“, sagt Fabian. „Das war gar nicht so.“
„Ich war nachhaltig erschüttert, was ich mir selbst zugemutet habe.“
Die Runde um den See wurde zu einer emotionalen Zeitreise. Erinnerungen an Tage, an denen jeder Schritt ein Kampf war. An Momente, in denen er glaubte, es niemals schaffen zu können. Und an die Erkenntnis, wie weit er inzwischen gekommen ist. „Das war sehr emotional“, sagt er leise. „Das hat mir noch einmal gezeigt, was ich jahrelang mit mir herumgetragen habe.“ Heute ist Fabian ein anderer Mensch. Leichter, beweglicher, freier. Aber er weiß: Der Weg ist noch nicht zu Ende. „Ich bin eigentlich mittendrin“, sagt er offen. Das nächste große Ziel wartet bereits: ein Halbmarathon im März. Seine Reise will er in einer Dokumentation festhalten. Nicht als Heldengeschichte, sondern als ehrlichen Bericht. „Ich bin die ersten anderthalb Jahre einfach nur um den See spaziert. Das ist keine Hochglanz-Sportleistung. Aber es hat funktioniert.“

Er möchte zeigen, dass Veränderung möglich ist – auch ohne perfekte Voraussetzungen. Dass Ausdauer stärker ist als Motivation. Und dass man sich nicht schämen muss für einen langen Weg. „Viele fühlen sich inspiriert“, sagt Fabian. „Das ist mir manchmal noch ein bisschen unangenehm. Aber wenn meine Geschichte jemandem hilft, dann hat sie einen Sinn.“ Wenn er heute um den Goldbergsee läuft, ohne Last auf den Schultern, dann ist jeder Schritt ein stiller Sieg. Einer über alte Gewohnheiten, über Zweifel, über Angst.


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