Grenzerfahrungen: Anna Kataian

Wie ein Traum

Anna Kataian und ihr ausgezeichnetes Werk

Es gibt sie, diese Momente, diese kleinen Augenblicke, die so ganz unspektakulär daherkommen und doch so groß sind: Als die Coburger Künstlerin Anna Kataian vor ein paar Wochen durch das Grand Palais in Paris geht, wandert ihr Blick durch das Labyrinth von rund 3000 Bildern, die bei der Art Capital gezeigt werden, einer der größten jährlichen Kunstausstellungen in der Kunstmetropole. Bilder, die sich einer internationalen Jury stellen. Anna sucht ihr Aquarellbild „Among Plane Tree Shadows“. Sie hat es eingereicht, sie weiß, irgendwo hängt es, schon das ist eine Auszeichnung, mehr als 50.000 Künstler hatten sich beworben. Mit mehr rechnet sie nicht. Dann aber sieht sie ihr Bild. Direkt darunter ein kleines, unscheinbares Schild: „Bronzemedaille“.

„Einfach so. Keine Bühne, kein großer Moment. Nur dieses Schild“, erzählt sie später im Interview in ihrem Atelier in der Kulturfabrik in Coburg. Die Sonne strahlt durch die großen alten Industriefenster, die Veste ist im Gegenlicht nicht mehr als ein Schattenriss. Kaum habe sie ihr Aquarell entdeckt, seien schon die ersten Gratulanten gekommen, sagt sie. Schließlich reicht ihr sogar der Präsident der französischen Künstlervereinigung persönlich die Hand. Für Kataian ist es der bisher größte Preis ihrer Karriere.

Der Rahmen dafür könnte kaum größer sein. Die Art Capital wurde 2006 gegründet, um vier historische Pariser Kunstsalons unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen und die Tradition der berühmten französischen Salon-Ausstellungen fortzuführen. Heute nehmen jedes Jahr mehrere tausend Künstler aus Frankreich und vielen anderen Ländern an der Art Capital teil und setzen damit die reiche Tradition der Pariser Kunstsalons fort, auf denen so bedeutende Künstler ausgestellt haben wie Henri Matisse, Paul Signac, Georges Seurat, Pablo Picasso, Wassily Kandinsky oder Amedeo Modigliani. „Wenn man dort steht, spürt man eine ganz besondere Aura,“ schwärmt Anna.

Ihr ausgezeichnetes Werk zeigt eine Straßenszene aus Paris. Menschen, Häuser, Bewegung, Licht. Typische Motive für eine Künstlerin, deren Bilder fast immer vom Leben in der Stadt erzählen. „Ich male meistens städtische Motive – Straßen, Gebäude, Cafés, Menschen“, sagt sie. Natur dagegen reizt sie weniger. „Mit Bäumen habe ich seltsamerweise Schwierigkeiten.“ Dafür liebt sie alles, was das urbane Leben ausmacht: Architektur, Plätze, Fassaden – und das Spiel von Licht und Spiegelungen.

Wer Kataians Bilder kennt, erkennt schnell: Diese Malerei ist das Ergebnis vieler Reisen. Städte sind für sie Inspirationsquellen. Wie sie einmal im Interview mit schoenfrau sagte, gibt es für sie zwei Arten von Reisen: die mit der Familie – und die ganz allein. Dann sitzt sie stundenlang auf Straßen oder Balkonen und malt. „In dieser Zeit esse ich kaum etwas und schlafe wenig“, erzählte sie damals sinngemäß. „Ich male nur und tauche völlig in diesen Prozess ein.“ So entstehen ihre Bilder: mitten im Leben. „In dieser Zeit esse ich kaum etwas und schlafe wenig“

Dass ihr Atelier heute in der Coburger Kulturfabrik liegt, hätte die gebürtige Ukrainerin früher kaum erwartet. Kataian stammt aus Charkiw, einer Millionenstadt im Osten der Ukraine. Dort studiert sie Kunst, hat Ausstellungen und ist gut vernetzt. 2017 kommt sie nach Deutschland – wegen der Arbeit ihres Mannes, der Arzt ist. Der Neustart ist nicht einfach. „Plötzlich kannte mich niemand mehr“, sagt sie. Zwei kleine Kinder, kein Atelier, kaum Platz zum Arbeiten. Mit Ölfarben zu malen ist zunächst unmöglich. Ihr Mann schenkt ihr damals einen kleinen Aquarellkasten. „Am Anfang habe ich gedacht: Was soll ich damit? Das ist doch für Kinder.“ Doch genau mit diesen Farben findet sie zurück zur Kunst. Heute ist das Aquarell eines ihrer wichtigsten Ausdrucksmittel.

„Am Anfang habe ich gedacht: Was soll ich damit? Das ist doch für Kinder.“

Wenn jemand eines ihrer Bilder kauft , interessiert sie nicht nur der Preis. „Viele schicken mir später Fotos, wo das Bild in ihrer Wohnung hängt. Dann weiß ich, dass es in gute Hände gekommen ist. Ein Bild lebt nur weiter, wenn Menschen es anschauen.“

Ein Werk in ihrer eigenen Wohnung erinnert sie jeden Tag daran, woher sie kommt, an ‚unser großes ukrainisches Drama‘, wie sie es nennt. Ein Street-Art-Künstler aus Charkiw, Hamlet – oft als ukrainischer Banksy bezeichnet – schrieb einst auf ein während des Krieges zerstörtes Haus drei Worte: ‚Die Zeit hört uns.‘ Diese Worte hat er auch für Anna gestaltet. Diese Arbeit hilft Anna, ihre Identität und die Erinnerung an ihr Zuhause zu bewahren.

Sie bewahrt die Stimme der Menschen trotz der Zerstörung, erinnert an das Erlebte und trägt Hoffnung für die Zukunft . Der Krieg hat auch ihre Familie getroff en: Ihre Mutter verbrachte eine Woche im Keller ihres Hauses in Charkiw, mit einem Helm auf dem Kopf, während Bomben fielen. Erst als eine Explosion ganz in der Nähe einschlug, entschied sie sich zur Flucht nach Deutschland. Das Haus der Eltern ihres Mannes wurde zerstört.

Annas Blick aber richtet sich vor allem nach vorne: Die Bronzemedaille von Paris ist für sie nämlich nicht nur ein weiterer Karrierehöhepunkt, sondern auch ein Anfang. Sie träumt von einer großen Einzelausstellung, in der sie ihre Motive doppelt zeigt – einmal als Aquarell, einmal als Ölgemälde, so wie sie früher gemalt hat, in ihrer ukrainischen Heimat, bevor Coburg ihr Zuhause wurde. Zwei Techniken, zwei Atmosphären, dieselbe Szene. Und dass Träume Wirklichkeit werden können, das hat sie erlebt, vor kurzem, in Paris.

Das Aquarell „Among Plane Tree Shadows“ von Anna Kataian wurde beim Salon des Artistes Français 2026 im Rahmen der Art Capital in Paris mit der Bronzemedaille ausgezeichnet.

Das Aquarell „Among Plane Tree Shadows“ von Anna Kataian wurde beim Salon des Artistes Français 2026 im Rahmen der Art Capital in Paris mit der Bronzemedaille ausgezeichnet.