
Die richtige Entscheidung
Manchmal beginnt eine Grenzerfahrung mit einem Gedanken, der langsam zu einem Entschluss wird. Aus einem „Irgendwann vielleicht“ wird ein „Jetzt“. Sebastian und Silke Höhn haben diesen Punkt überschritten. 2024 verließen sie gemeinsam mit ihrer damals achtjährigen Tochter Valentina Deutschland und zogen nach Dominica – in einen Inselstaat, der geografisch und vor allem im Lebensgefühl weit entfernt ist von dem, was sie bisher kannten.
Heute leben die Höhns in Salisbury, oberhalb der Küste. Mit der Karibik aus den Werbeprospekten hat Dominica wenig gemein. Keine endlosen weißen Sandstrände, kein Postkartenblau. Die Insel ist vulkanisch, grün und wild. Sie wird „Nature Island“ genannt, ist von Regenwald bedeckt und von Flüssen durchzogen. 365 davon gibt es, erzählt Sebastian. „Für jeden Tag einen“, ergänzt Silke. Die größte Veränderung aber liegt nicht in der Landschaft. Sie liegt in der Art, wie man darin lebt.

Der Entschluss zur Auswanderung war keine spontane Laune. Silke führte eine Physiotherapiepraxis, Valentina ging zur Schule, das Leben funktionierte. Irgendwie. Bei Sebastian, einem gelernten Steinmetz, lief es beruflich und gesundheitlich dagegen zunehmend weniger rund. Ein Burnout war die Folge. So wurde aus Fernweh eine Lebensentscheidung: Auswandern.
Leichtfertig war dieser Schritt vor allem wegen Valentina nicht. „Du hast halt ein Kind“, sagt Silke rückblickend. Lange habe sie gezögert, weil alles gut organisiert sein müsse. Doch irgendwann erkannte sie, dass sich ein solcher Schritt ohnehin nicht bis ins Letzte planen lässt. „Wenn du ein deutsches Leben in der Karibik führen willst, bist du einfach verkehrt“, so Sebastian.

Auf Dominica gibt es Regeln und Gesetze, doch vieles werde weniger streng kontrolliert. Dafür müsse man mehr Eigenverantwortung übernehmen. Und die Gemeinschaft spiele eine größere Rolle. „Die Menschen, die Nachbarn, alle hier passen halt ein bisschen mehr aufeinander auf.“ Diese andere Ordnung hat auch ihre Schattenseiten. Das Gesundheitssystem könne nicht mit europäischen Standards verglichen werden. Bei schweren Erkrankungen könne ein Transport auf eine andere Insel notwendig werden. Auch wirtschaftlich liegen zwischen Coburg und Dominica Welten. Die Einkommen sind niedriger, importierte Waren teuer.
Auch beruflich mussten beide neue Wege finden. Silke arbeitet weiterhin als Physiotherapeutin, allerdings mobil bei ihren Patienten zu Hause. Eine befreundete deutsche Physiotherapeutin vermittelte ihr zunächst Kontakte. Schon nach wenigen Wochen war ihr Terminkalender voll. Heute, sagt sie, „kennt auf der Insel fast jeder meine Nummer“. Ihre Arbeit erlebt sie inzwischen anders als früher. „Also ich arbeite hier viel lieber“, sagt Silke. Gerade im medizinischen Bereich habe sie noch mehr als in Deutschland das Gefühl, Menschen zu helfen, die diese Unterstützung wirklich brauchen.

Hobbykoch Sebastian wiederum hat sich seinen eigenen Markt geschaffen. Aus der Idee eines kleinen Würstchengeschäfts ist nämlich mittlerweile ein kleines Gewerbe entstanden: Hot Dogs am Strand. Rund 100 Menschen sollen regelmäßig über eine WhatsApp-Gruppe bestellen. Eine eigene Küche und ein stationärer Verkauf sind geplant. „Du musst dir halt irgendwas suchen, was hier gebraucht wird“, sagt Sebastian.
Am deutlichsten zeigt sich der Wandel jedoch bei Valentina. „Die macht ihr Ding einfach“, sagt ihr Vater. Valentina spricht inzwischen fließend Englisch, bewegt sich selbstverständlich in ihrer neuen Umgebung und ist selbstbewusst wie zu früheren Zeiten nie. Bei einer Karaoke-Veranstaltung ging sie spontan auf die Bühne und sang. „Das hättet sie in Deutschland nie im Leben gemacht“, sagt Sebastian. Vielleicht ist das die tiefste Grenzerfahrung der Familie: zu erleben, dass ein Kind dort über sich hinauswächst, wo die Eltern selbst erst lernen mussten, loszulassen.

In diesem kurzen Satz steckt viel. Denn Auswandern bedeutet nicht, die alte Welt einfach hinter sich zu lassen. Man nimmt sie mit – im Geschmack der Coburger Bratwurst, die er, so gut es mit den Möglichkeiten vor Ort geht, nachgrillt, in Erinnerungen, Sprache, Beziehungen. „Ich vermisse meine Mädels“, sagt Silke. „Und ich meine Jungs“, sagt Sebastian.
Gleichzeitig aber ist längst etwas Neues entstanden. Die Höhns haben Sicherheit gegen Selbstverantwortung getauscht, Planbarkeit gegen Improvisation, deutsche Standards gegen eine rauere, pragmatischere Wirklichkeit. Und sie haben gelernt, dass Freiheit manchmal auch bedeutet, auf Dinge zu verzichten, die man früher für selbstverständlich hielt. Ein Neustart besteht nicht darin, das alte Leben einfach an einen anderen Ort zu verpflanzen. Sondern darin, sich selbst zu verändern. „Wir machen das jetzt, und der Rest ist: Gucken wir mal“, sagt Sebastian. Vielleicht braucht es genau diesen Satz, um eine Grenze zu überschreiten, die größer ist als jede Landesgrenze: die Grenze zwischen dem Leben, das man kennt, und dem Leben, das man noch nicht kennt.
Für die Höhns liegt dieses Leben heute auf einer grünen Insel in der Karibik. Mit Flüssen für fast jeden Tag des Jahres, tropischem Regen, Vulkanstränden, selbst gebackenem Sauerteigbrot, Physiotherapie im eigenen Rhythmus und einer kleinen Würstchenmanufaktur. Vor allem aber mit einer Tochter, die gelernt hat, sich vor Menschen auf eine Bühne zu stellen und einfach loszusingen. Die Frage, ob es die richtige Entscheidung war, muss man ihnen deshalb nicht mehr stellen.
„Definitiv“, sagt Silke Höhn. „Für alle Beteiligten.“

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