
… man in drei Epochen
Ein markantes Haus, eine aufwendig gegliederte Fassade und eine Straße, deren Name an einen außergewöhnlichen Coburger Bürger erinnert: Wer in der Raststraße wohnt, lebt nicht nur in einem besonderen Stück Stadtarchitektur, sondern mitten in einem Kapitel Coburger Stadtgeschichte.
Schon von außen fällt das Haus mit der Hausnummer 2/4 ins Auge. Der dreigeschossige Bau mit seinem gemeinsamen Walmdach, den seitlich angeordneten Eingängen und den charakteristischen Zwerchgiebeln verbindet Funktionalität mit einer für die Zeit um 1900 ungewöhnlich reichen Gestaltung. Ziegel und Sandstein prägen die Fassade, Risalite geben ihr Tiefe und Struktur. Zwischen den seitlichen, mit Satteldach-Zwerchgiebeln bekrönten Bauteilen liegen Hausgauben, während die Fensterbänder die Fassade betont vertikal gliedern. Unterschiedlich gestaltete Bögen – schmale Kielbogen im Inneren, breitere Stichbogen an den äußeren Partien – setzen zusätzliche Akzente.
Besonders reizvoll ist die Detailfülle: Ornamente begleiten die Fassade, die Brüstungen sind mit Reliefs versehen. Nichts wirkt hier zufällig. Das Haus gehört zu jener Architektur um die Jahrhundertwende, die den Anspruch hatte, auch im alltäglichen Mietshausbau Individualität und Repräsentation miteinander zu verbinden. Errichtet wurde das Doppelmietshaus 1900/01 von Baumeister Otto Leheis, der zeitgleich auch das benachbarte Eckhaus in der Bahnhofstraße 36 baute. Gemeinsam prägen die beiden Gebäude bis heute diesen Teil des Coburger Stadtbildes.
Der Name der Straße führt weit zurück – zu einem Mann, dessen Lebensweg selbst beinahe wie ein Roman des 19. Jahrhunderts anmutet. Noch unter dem Namen Ferdinand Martin Liebmann wird von Rast 1781 in Berlin als Sohn eines jüdischen Handelsherrn geboren. Später konvertiert er zum Protestantismus und macht als Kaufmann Karriere. Sein Geschäft führt ihn in die großen Handelszentren Europas, nach Hamburg, Wien und Paris. In einer Zeit, in der die napoleonischen Kriege und die Kontinentalsperre etablierte Handelswege erschüttern, nutzt Liebmann die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Mit dem Handel von Garnen und Eisenwaren legt er den Grundstein für sein Vermögen.
Der entscheidende Schritt vom Fernhandel zum industriellen Unternehmertum folgt 1828: Liebmann erwirbt die steirische Herrschaft Faal mit Hammerwerken und Eisengruben bei Rast an der Drau, dem heutigen Ruše in Slowenien. Zwei Jahre später erhebt ihn König Ludwig I. in den bayerischen Freiherrenstand. Von nun an trägt er den Namen Freiherr von Rast – nach seinem Besitz in der Steiermark. 1832 beruft ihn Herzog Ernst I. zum herzoglich-coburgischen Kammerherrn.
Ab 1859 lebt von Rast dauerhaft in Coburg. Hier hinterlässt er schließlich sein vielleicht nachhaltigstes Vermächtnis. 1861 gründet er die Freiherrlich von Rast’sche Stiftung mit einem Anfangskapital von 41.000 Gulden. Sie soll Lehrlinge, Bedürftige und Kranke unterstützen. Im selben Jahr macht ihn die Stadt zum Ehrenbürger. Als Ferdinand Martin Freiherr von Rast 1863 im Alter von 82 Jahren in Coburg stirbt, hat er sich vom Berliner Kaufmann zum europaweit agierenden Unternehmer, Freiherrn und Wohltäter der Stadt entwickelt.
Sein Lebensweg erzählt zugleich viel über das 19. Jahrhundert: über die wirtschaftlichen Umbrüche der napoleonischen Zeit, den Aufstieg industrieller Unternehmungen, über gesellschaftliche Anpassung und Aufstiegsmöglichkeiten ebenso wie über die Bedeutung privaten Stiftungswesens. Wohlhabende Bürger und Unternehmer beginnen damals zunehmend, Verantwortung für Bildung, Fürsorge und soziale Einrichtungen zu übernehmen. Auch Rasts Stiftung wirkt über seine Lebenszeit hinaus.
Sein Name ist bis heute im Coburger Stadtbild präsent. Die Raststraße erinnert an den Stifter, ebenso die Freiherr-von-Rast-Schule, die Berufsschule Coburg 1. Und auch wenn der Straßenname selbst zwischenzeitlich verschwunden war, kehrte er nach dem Ende der NS-Zeit zurück: Von 1939 bis 1945 trug die Raststraße den Namen Ludwig-Siebert-Straße. Ludwig Siebert, seit 1931 NSDAP-Mitglied und damals Oberbürgermeister von Lindau, wurde 1933 zum bayerischen Ministerpräsidenten ernannt und war ab 1936 zugleich Wirtschaftsminister. Seine politische Laufbahn war eng mit dem nationalsozialistischen Regime verbunden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Umbenennung rückgängig gemacht.
Heute steht wieder der Name jenes Mannes an den Straßenschildern, dessen Stiftung der Coburger Stadtgesellschaft zugutekam. Und mittendrin steht das Haus von Otto Leheis: ein Stück Architektur um 1900, reich an Ornamenten und doch ganz selbstverständlich Teil des heutigen Stadtlebens. Wer hier wohnt, lebt damit an einem Ort, an dem sich auf besondere Weise drei Zeiten begegnen – die Epoche des Stifters, die Architektur der Jahrhundertwende und die Gegenwart einer lebendigen Stadt.
Quelle: Stadt Coburg | Redaktion: Wolfram Hegen


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