Hier wohnte: Johann Leonhard Dientzenhofer

Wer heute das ehemalige Gerberhaus an der Obere Brücke 10 betritt, kommt nicht einfach in ein historisches Anwesen. Er kommt in eine Geschichte, die vom Haus des Handwerks bis zum Bamberger Barock reicht – und mitten hinein ins Leben eines Mannes, der die Stadt bis heute prägt: Baumeister Johann Leonhard Dientzenhofer, der von 1660 bis 1707 lebte.

Anna-Franziska von Schweinitz legt historische Pläne auf den Tisch. Dann führt sie durch das Treppenhaus, öffnet den Innenhof und zeigt, wie viel Sorgfalt sie in die Sanierung dieses Denkmals gesteckt hat. „Wir sind im Internet auf dieses Anwesen gestoßen und konnten es am 14. Juli 2019 besichtigen. Es war Liebe auf den ersten Blick, wobei wir damals noch nicht ahnen konnten, was wir mit dem Erwerb dieser außergewöhnlichen Immobilie angestoßen hatten“, erklärt die heutige Hausbesitzerin.

Selbst für einen gebürtigen Bamberger ist der Schnitt dieses Anwesens auf den ersten Blick verwirrend. Der Eingang des großen, hohen Vorderhauses liegt gleich neben dem Café Riffelmacher und beherbergt heute die Pizzeria „Mama Lucia“. Von der Ferne, z. B. vom Steg an der Brüdermühle, erkennt man den hohen Giebel mit seinen kleinen, nikolaushausförmigen Aussparungen, die seit vielen Jahrhunderten den Dachboden belüften und früher ihren Dienst beim Trocknen der Tierfelle leisteten (siehe Bild Seite 81 unten links).

Heute ist es aber das Rückgebäude, welches die Blicke auf sich zieht. Der Eingang hierzu befindet sich am historischen Ludwig-Donau-Main-Kanal, gegenüber der rot-weiß-gestreiften Gondelhaltestelle. Mit Blick auf das Alte Rathaus und Schloss Geyerswörth. Im Herzen des Weltkulturerbes.

Die Ursprünge dieses außergewöhnlichen Anwesens reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Über Jahrhunderte lebten und arbeiteten hier Gerber und Lederhändler. An der Wasserseite erinnern die mehrgeschossigen Holzgalerien und erzählen vom Alltag des Handwerks an der Regnitz. Denn auch dort wurden einst Tierhäute zum Trocknen aufgehängt.

1690 zog ein prominenter Bewohner ein: Leonhard Dientzenhofer. Der Baumeister erwarb das Gerberhaus als Wohnsitz und lebte hier bis zu seinem Tod 1707. Von diesem Haus aus wirkte er an Bauwerken, die Bamberg und die Region bis heute unverwechselbar machen. Als Hofbaumeister prägte Dientzenhofer das Gesicht der Weltkulturerbestadt – und macht die Obere Brücke 10 zu mehr als einer Adresse: Es war sein Zuhause, sein Lebensmittelpunkt mitten in der Stadt, deren Architektur er Zeit seines Lebens nachhaltig formte. So stammt die monumentale Barockfassade der Neuen Residenz komplett aus seiner Feder, ebenso wie die Klosteranlage St. Michael, welcher Dientzenhofer 1696 ihre dreiflügelige barocke Struktur verlieh.

Nach Dientzenhofer übernahm Hofingenieur Johann Friedrich Rosenzweig das Anwesen. Es folgte eine lange Reihe von Handwerkern als Besitzer, vor allem Gerber und Lederhändler, die dem Rückgebäude mit den Balkonen sein markantes Gesicht verliehen. Sein Dasein als Zinshaus und Geldanlage tat dem Haus nicht gut: „In den 1960er Jahren dann der Tiefpunkt der Hausgeschichte – das Anwesen musste wegen Einsturzgefahr geräumt werden.“

Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Das Haus wurde durch den Vorbesitzer, Domkapellmeister Wolfgang Wünsch, gerettet. Von 2020 bis 2025 steckte das Ehepaar von Schweinitz noch einmal unglaubliche Energie in dieses Anwesen und rüstete es mit viel Liebe zum Detail für die Zukunft. „Die größte Herausforderung war dabei das Treppenhaus. Möglichst viel alte Bausubstanz retten, dazu die Vorgaben von Denkmalschutz und Brandschutz: Das erforderte nicht nur ein Höchstmaß an Kreativität und Nervenstärke, sondern konnte nur mit den ausgezeichneten Handwerksfirmen in und um Bamberg gelingen“, blickt Anna-Franziska von Schweinitz heute fast ungläubig zurück.

Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Ordner mit historischen Plänen und Anträgen. Handwerkerhaus, Hotel, Wohnimmobilie, im Innenhof mal vier, mal zwei Stockwerke: Ja, dieses Haus kann viele Geschichten erzählen. Und die schönste ist die aktuelle. Denn das Ehepaar von Schweinitz hat sich hier einen Lebenstraum erfüllt. Und genießt diesen jeden Tag. Beim Morgenkaffee auf dem herrlichen Balkon mit Blick aufs frisch sanierte Schloss Geyerswörth. Ein kurzer Gruß zum Gondoliere, ein netter Plausch mit den Passanten. Oder am Abend bei einer Küchenparty mit Freunden in der historischen Templer-Kapelle unter dem beeindruckenden gotischen Spitzbogengewölbe, die um das Jahr 1400 gebaut wurde. Es ist wunderbar zu sehen, wie diese historischen Mauern zum lebendigen Mittelpunkt der Familie von Schweinitz geworden sind. Eine Kombination, die sicherlich auch Baumeister Johann Leonhard Dientzenhofer erfreuen würde.