Sonderthema Mobilität: Modellregion mit Zukunft

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Warum Oberfranken ideale Voraussetzungen hat, zum Pilotgebiet für autonomes Fahren im ländlichen Raum zu werden.

Autonomes Fahren ist längst keine ferne Zukunftsvision mehr. Während sich die Entwicklung im privaten Pkw-Bereich zuletzt etwas verlangsamt hat, sehen Fachleute gerade im öffentlichen Nahverkehr enormes Potenzial. Vor allem im ländlichen Raum könnte die Technologie helfen, Mobilität neu zu denken – und genau hier sehen die Hochschule Coburg und die HUK-COBURG die Region Coburg, Kronach und Lichtenfels in einer Vorreiterrolle. Darüber diskutierten Prof. Dr. Stefan Gast, Präsident der Hochschule Coburg, und Dr. Jörg Rheinländer, Vorstand der HUK-COBURG, mit Christian Holhut und Volker Friedrich von der Neuen Presse Coburg. Beide Experten eint die Überzeugung: Nicht die Großstadt, sondern der ländliche Raum könnte zum eigentlichen Gewinner des autonomen Fahrens werden.

„Wir müssen unterscheiden zwischen dem motorisierten Individualverkehr und dem öffentlichen Personennahverkehr“, betont Prof. Gast. Gerade für den ÖPNV nämlich eröffneten sich im ländlichen Raum völlig neue Möglichkeiten – gerade dort, wo Busverbindungen dünn sind und der Fahrermangel immer größere Probleme verursacht. Genau diese Chancen wolle man „hier in der Region, im ländlichen Raum, in besonderem Maß nutzbar machen“.

Akzeptanz der Bevölkerung

Dass dies keine theoretische Überlegung ist, zeigen die Erfahrungen aus beiden Projekten der Shuttle-Modellregion Oberfranken in Kronach, Hof, Rehau und Bad Steben. Als Partnerin im Projektverbund hat die Hochschule Coburg diese wissenschaftlich begleitet. Dabei ging es längst nicht nur um technische Fragen. Ebenso wichtig war die Akzeptanz der Bevölkerung und das Zusammenspiel autonomer Fahrzeuge mit anderen Verkehrsteilnehmern. „Wir haben viel mitgenommen aus den zwei Förderphasen – technologische Erkenntnisse, aber eben auch Erkenntnisse zur Akzeptanz“, fasst Gast zusammen.

Die Hochschule bringt darüber hinaus eine weitere Besonderheit ein: Am Lucas-Cranach-Campus in Kronach bietet sie mit dem Masterstudiengang „Autonomous Driving“ international ein außergewöhnliches Studienangebot. Gemeinsam mit Automobilzulieferern werden dort Fachkräfte ausgebildet, die genau die Kompetenzen mitbringen, die eine künftige Modellregion benötigt. Forschung, Praxis und Ausbildung greifen hier bereits eng ineinander.

Ebenso bedeutend ist die Rolle der HUK-COBURG. Als größter Kfz-Versicherer Deutschlands beschäftigt sich das Unternehmen seit Jahren intensiv mit der Mobilität der Zukunft. Regelmäßige Mobilitätsstudien, umfangreiche Datenanalysen und Befragungen liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, wie die Bevölkerung auf neue Mobilitätsformen blickt. So zeigt eine aktuelle Umfrage: 47 Prozent der Deutschen würden autonom fahrende Fahrzeuge akzeptieren – vorausgesetzt, die Unfallgefahr steigt nicht. Für die HUK-COBURG ist das die entscheidende Voraussetzung. Autonomes Fahren wird sich nur dann durchsetzen, wenn es die Verkehrssicherheit messbar verbessert.

Sicherer, mobiler, komfortabler, günstiger

Parallel arbeitet die HUK-COBURG gemeinsam mit der Deutschen Bahn und dem Rhein-Main-Verkehrsverbund an einem Pilotprojekt südlich von Frankfurt, das autonome Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr erprobt. Die dort gewonnenen Erfahrungen fließen unmittelbar in die Diskussion über mögliche Modellregionen ein. Für Dr. Rheinländer steht fest, dass der ländliche Raum jetzt in den Mittelpunkt rücken muss. „Mehr Sicherheit, mehr Mobilität, mehr Komfort, weniger Staus und zugleich bezahlbare Mobilität – genau darin liegen die Chancen des autonomen Fahrens“, sagt er. Gerade Regionen mit dünner Taktung und sinkenden Fahrerzahlen könnten erheblich profitieren. Autonome Shuttles könnten Ortschaften flexibler anbinden, Fahrpläne verdichten und Menschen unabhängig vom eigenen Auto mobil halten.

Deshalb plädiert Rheinländer dafür, den nächsten Entwicklungsschritt nicht mit einzelnen Testfahrzeugen zu gehen, sondern ganze Modellregionen zu schaffen. Im Verkehrsausschuss des Bayerischen Landtags habe Einigkeit bestanden, dass Bayern neben einer urbanen Modellregion unbedingt auch einen Piloten im ländlichen Raum brauche. Für ihn liegt die passende Region praktisch auf der Hand.

Auch Prof. Gast sieht hervorragende Voraussetzungen. Die Region verfüge über einen außergewöhnlich engen Verbund aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen und Politik sowie über jahrelange Erfahrungen aus den Shuttle-Projekten in Oberfranken. Hinzu komme eine polyzentrale Struktur mit Industrie, Mittelstand und ländlichen Gemeinden – genau jene Mischung, für die neue Mobilitätskonzepte entwickelt werden müssten.

Jetzt die Chance nutzen

Allerdings müsse der nächste Schritt mutiger ausfallen als bisher. Die bisherigen Shuttle-Projekte seien durch zahlreiche Vorgaben ausgebremst worden – etwa durch eine Höchstgeschwindigkeit von lediglich 18 Stundenkilometern. Für eine breite Akzeptanz brauche es künftig Realverkehr unter realistischen Bedingungen. Nur so könnten Erfahrungen gesammelt und Vertrauen geschaffen werden.

Beide Experten sehen deshalb jetzt den richtigen Zeitpunkt gekommen, die Kräfte zu bündeln. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen und Mobilitätsanbieter müssten gemeinsam daran arbeiten, dass aus den bisherigen Projekten ein echter Standortvorteil wird. Mit ihrer wissenschaftlichen Kompetenz, den praktischen Erfahrungen aus Kronach und Bad Steben, der Expertise der HUK-COBURG und einem starken Netzwerk besitzt die Region dafür beste Voraussetzungen. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob autonomes Fahren den ländlichen Raum verändern wird – sondern ob Oberfranken die Chance nutzt, diesen Wandel aktiv mitzugestalten.