
Redaktion: Bernd Oelsner
Angenehm, Thomann.
Treppendorf hat keine Skyline. Keine Hochhäuser, keinen Bahnhof, keine U-Bahn. Ein paar Häuser liegen zwischen Feldern und fränkischer Landschaft. Und doch gibt es hier eine Adresse, die Musiker auf der ganzen Welt kennen. Thomann. The world of music!
Ein Unternehmen im ewigen Wandel
Wer durch Treppendorf fährt, bekommt schnell ein Gefühl dafür, was passiert, wenn ein Unternehmen niemals fertig ist. Hinter dem Ortsschild beginnen Hallen, Büros, Verkaufsflächen und Lager. Lastwagen kommen und gehen. Mitarbeiter laufen zwischen Gebäuden hin und her. Im Laden werden Gitarren angespielt, Schlagzeuge getestet, Trompeten ausprobiert. Nebenan arbeitet der Customer Service, ein paar Meter weiter die Logistik. Und irgendwo dazwischen entsteht schon das nächste Projekt.

Hans Thomann kennt diesen Anblick seit seiner Kindheit. Vielleicht ist das der Grund, warum Stillstand für ihn so etwas wie ein Fremdwort ist. 1954 hatte sein Vater, Hans Thomann senior, in Treppendorf ein Musikgeschäft gegründet. Der Anfang war bescheiden. Der elterliche Bauernhof war Wohnhaus, Lager und Laden zugleich. Immer mehr Räume wurden zu Verkaufsflächen, die Scheune zur Lichtabteilung und zum Kartonlager, das Kinderzimmer zur Buchhaltung. Hans Thomann junior durfte schon als Bub mithelfen und seine ersten Geschäfte machen.
Aus dem Bauernhof wurde ein Musikladen. Aus dem Musikladen ein Versandhandel. Und aus dem Versandhandel ein Unternehmen, dessen Kunden heute in aller Welt sitzen. Dass ausgerechnet ein kleines Dorf in Oberfranken zum Zentrum eines internationalen Musikhandels werden würde, war damals nicht abzusehen. Hans Thomann Junior hat daran entscheidenden Anteil. 1990 übernahm der gelernte Feingeräteelektroniker und Blasinstrumentenbauer die Geschäftsführung von seinem Vater. Einen Rat nahm er mit: auf die Kunden hören und von ihnen lernen.

Thomann machte daraus eine Unternehmensphilosophie. Bereits 1996 ging das Unternehmen online – zu einer Zeit, als das Internet für die meisten Händler noch Neuland war. Bestellungen kamen zunächst per E-Mail, wurden ausgedruckt und in die entsprechenden Abteilungen getragen. Heute ist die digitale Welt längst das wichtigste Schaufenster des Hauses. Aber Hans Thomann hat dabei nie den Fehler gemacht, das Internet mit dem eigentlichen Geschäft zu verwechseln. Denn hinter dem Bildschirm steht immer noch ein Mensch. Und hinter dem Menschen ein Unternehmen, das permanent in Bewegung ist.
Als andere Unternehmen begannen, Serviceleistungen auszulagern, holte Thomann den Customer Service nach Treppendorf. Als die Zahl der Bestellungen wuchs, wurden neue Logistikzentren gebaut. Als die Mitarbeiterzahl stieg – heute rund 1.900 – entstanden neue Büros. Für die Belegschaft und die Kunden gibt es inzwischen ein eigenes Restaurant. Es gibt ein Parkhaus, Werkstätten, Studios und immer neue Flächen für Beratung und Content-Produktion.
Beeindruckende Unternehmensgeschichte
Diverse Logistik- und Lagerflächen, Bürogebäude, neue Verkaufsflächen, Servicegebäude, Restaurant, ein weiteres Logistik- und Versandzentrum. 2022 wurde ein neues Gebäude für den Customer Service samt Parkhaus eröffnet. Gleichzeitig entstanden zusätzliche Kapazitäten für Logistik und die Produktion von Videos und Social-Media-Inhalten. Und während all das wächst, wächst der Laden gleich mit. Aus rund 5.200 Quadratmetern sollen mehr als 10.000 Quadratmeter Ausstellungs-, Verkaufs- und Lagerfläche werden. Schon heute können Besucher Tausende Instrumente ausprobieren. Neue Bereiche für Schlagzeug, Blasinstrumente und andere Instrumentengruppen machen aus dem Besuch in Treppendorf zunehmend ein Erlebnis. Das wirklich Bemerkenswerte daran: Der Weltmarktführer im Onlinehandel baut sein stationäres Musikhaus.

Man könnte das für einen Widerspruch halten. Bei Thomann ist es keiner. Denn wer ein Instrument kaufen will, möchte es nicht immer nur auf einem Bildschirm sehen. Er will wissen, wie sich eine Gitarre anfühlt. Wie ein Saxofon klingt. Wie ein Mischpult funktioniert. Er will vergleichen, fragen, ausprobieren. Und manchmal einfach eine Stunde lang in einem Musikladen verschwinden. Hans Thomann wörtlich: „Online können wir unseren Kunden heute unglaublich viel bieten. Unser Laden in Treppendorf ergänzt das um etwas ganz Besonderes: Instrumente selbst ausprobieren, Equipment direkt vergleichen, Fragen stellen und Neues entdecken. Genau deshalb haben wir ihn weiter ausgebaut. Er soll ein Treffpunkt für Musikbegeisterte sein. Ein Ort, an dem man sich inspirieren lassen und die gemeinsame Leidenschaft für Musik erleben kann.“
Hans Thomann hat verstanden, dass Digitalisierung den stationären Handel nicht zwangsläufig abschafft. Sie kann ihn sogar interessanter machen. Das passt zu einem Unternehmen, welches immer ganz nah an seinen Kundinnen und Kunden bleiben möchte und eine individuelle Beratung und umfassenden Service als zentrale Firmenphilosophie betont.

Schon 1995 führte Thomann eine 30-Tage-Geld-zurück-Garantie ein, später kam eine dreijährige Garantie hinzu. Beratung und Service blieben im eigenen Haus. Auch beim Personal setzt das Unternehmen auf Nähe zur Musik. Nach Angaben des „Handelsblatts“ sind rund 90 Prozent der Beschäftigten Musiker. Das erklärt vielleicht, warum sich das Unternehmen trotz seiner Größe an manchen Stellen weniger wie ein Konzern und mehr wie eine riesige Gemeinschaft von Musikbegeisterten anfühlt. Denn hier arbeitet der Gitarrist neben dem Schlagzeuger, der Tontechniker neben dem Instrumentenbauer. Menschen, die morgens zur Arbeit kommen und sich mit Dingen beschäftigen, für die andere Menschen abends ihre Freizeit opfern. Das dürfte einer der Gründe sein, warum der Thomann-Kosmos eine eigene Atmosphäre entwickelt hat.
2015 widmete „brand eins“ dem Unternehmen eine Titelgeschichte und bezeichnete Hans Thomann als „den Mann, der Amazon schlug“. Gemeint war ein damaliger E-Commerce-Vergleich, bei dem Thomann in Kategorien wie Service, Lieferung und Webauftritt sehr gut abschnitt. Doch vielleicht greift die Geschichte vom David, der den Goliath schlägt, zu kurz. Denn Thomann wollte offenbar nie Amazon werden.

Thomann bleibt Thomann
Ein Familienunternehmen aus Treppendorf, das den größten Teil seines Geschäfts über das Internet abwickelt, aber gleichzeitig einen riesigen Musikladen baut. Ein Unternehmen mit internationaler Kundschaft, dessen Wurzeln in einem oberfränkischen Bauernhof liegen. Ein digitaler Händler, der Werkstätten betreibt. Ein Weltunternehmen, das seine Mitarbeiter zum Essen in die eigene Kantine schickt und ihnen ein Parkhaus baut. Und mittendrin Hans Thomann. Seit 1990 steht er an der Spitze. Die Firma seines Vaters ist unter seiner Führung zu einem Unternehmen mit mehr als 1.900 Beschäftigten, rund 15 Millionen Kunden und einem Sortiment von mehr als 120.000 verschiedenen Produkten gewachsen. Doch die beeindruckendste Zahl ist vielleicht eine andere: 72 Jahre nach der Gründung wird in Treppendorf immer noch gebaut.
Der alte Bauernhof ist längst verschwunden. An seiner Stelle wächst der Thomann-Campus weiter. Der Laden wird größer, die Logistik schneller, die digitale Welt ausgefeilter. Das nächste Projekt wartet bereits. Man könnte sagen: Thomann hat es geschafft. Aber genau das scheint in Treppendorf niemand zu denken. Denn kaum ist ein Projekt abgeschlossen, beginnt das nächste. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieses Unternehmens: Nicht der Glaube, irgendwann angekommen zu sein. Sondern die Überzeugung, dass es immer noch ein bisschen besser gehen kann.

Und auch die Zukunft des Unternehmens ist gesichert. Seit November 2024 hält die Thomann Unternehmensstiftung 99,9 Prozent der Anteile an der Thomann GmbH. Sie soll den langfristigen Fortbestand und die Weiterentwicklung der Unternehmensgruppe sichern, stabile Strukturen schaffen, Arbeitsplätze sichern und gewährleisten, dass Thomann unabhängig von externen Investoren bleibt. Dazu Hans Thomann: „Mir war immer wichtig, Thomann so aufzustellen, dass das Unternehmen auch für die nächsten Generationen unabhängig und erfolgreich weitergeführt werden kann. Mit der Unternehmensstiftung haben wir dafür langfristig stabile Strukturen geschaffen – für das Unternehmen und vor allem für die Menschen, die hier arbeiten.“
Auf der Thomann-Webseite unter der Rubrik „Über uns“ begrüßt Hans Thomann die Online-Gäste mit folgenden Worten: „Angenehm, Thomann. Schön, dass Sie vorbeischauen. Und wenn Sie schon einmal da sind: Spielen Sie ruhig noch ein Instrument an.“ Eine wunderbare Idee. Denn wie heißt es doch so schön bei Thomann: Music is our passion …

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