
Redaktion: Bernd Oelsner
Die Start-Up-Szene in Bamberg ist im Wandel
Bamberg ist vieles: Welterbestadt, Bierstadt, Universitätsstadt. Und zunehmend auch ein Ort, an dem junge Menschen ihre eigenen Unternehmen bauen. Während die großen Namen der regionalen Wirtschaft mit den Folgen von Globalisierung, geopolitischen Krisen, Zöllen, Transformation und Kostendruck kämpfen, entsteht daneben – von vielen unbemerkt – eine Wirtschaftslandschaft, die auf den ersten Blick kleiner wirkt, aber einen bemerkenswerten Zukunftsoptimismus ausstrahlt. Bamberg wird mehr und mehr zur Stadt der Gründer.
Der Ort, an dem diese neue Szene besonders sichtbar wird, liegt auf dem ehemaligen Lagarde-Gelände. Im LAGARDE1 treffen Startups, Studierende, etablierte Unternehmen und Gründungsinteressierte aufeinander. Co-Working-Arbeitsplätze, Büros, Veranstaltungsräume und Netzwerke sollen aus einer Idee ein Geschäftsmodell machen. LAGARDE1 versteht sich ausdrücklich als Teil eines regionalen Gründungsökosystems.
Hier zeigt sich, wie vielfältig die neue Bamberger Unternehmergeneration ist. Bei der Startup Night 2025 vom Bamberg Startups e.V. präsentierten 24 Startups ihre Projekte vor rund 180 Gästen. Die Themen reichten von FoodTech und nachhaltiger Energie über Software und digitale Dienstleistungen bis zu Sport- und Community-Plattformen. Zum Startup des Jahres wurde die „Space Four GmbH“ gekürt.
Noch deutlicher wurde die technologische Richtung bei der ersten LAGARDE1 Startup Stage im Mai 2026. Sechs Finalisten zeigten Geschäftsmodelle, die kaum noch etwas mit dem klassischen Bild eines kleinen regionalen Betriebs zu tun hatten: Green Innovations will mit Pyrolyse Biomasse in Energie und Pflanzenkohle verwandeln. YANA entwickelt ein digitales Ökosystem für Pflege, Bestattung und Nachlass. Synascale simuliert industrielle Metall-3D-Druckprozesse. AgentShield beschäftigt sich mit der Sicherheit autonomer KI-Agenten. INBEX Systems verbindet digitale Anwendungen mit therapeutischer Unterstützung. Sieger wurde letztendlich Calcutron, dessen KI komplexe Ausschreibungs- und Leistungsverzeichnisse automatisiert in Angebotsentwürfe überführt.

Das ist mehr als eine Sammlung technischer Spielereien. Es sind Antworten auf konkrete Probleme: Fachkräftemangel, Energieverbrauch, Bürokratie, industrielle Effizienz, Gesundheit oder die Frage, wie Unternehmen mit künstlicher Intelligenz umgehen. Genau darin liegt möglicherweise die wichtigste Veränderung der Bamberger Gründerlandschaft: Die neuen Unternehmen wollen nicht unbedingt die Welt neu erfinden. Sie wollen sehr konkrete Probleme besser lösen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der Verein Bamberg Startups e.V. Dieser bringt Startups, Gründer und Unternehmen zusammen und schafft niedrigschwellige Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Ideen voranzubringen. Ob beim monatlichen Startup-Stammtisch, den Bamberg Startups Gründertreffen, der Bamberger Startup Night oder bei Hackathons: Im Mittelpunkt stehen Vernetzung, gegenseitige Unterstützung und die persönliche Entwicklung als Gründer. So entstehen neue Impulse, Kooperationen und ein starkes Netzwerk, welches die Bamberger Gründerszene voranbringt.

Dr. Fabian Mehring, der Bayerische Staatsminister für Digitales, bei der Startup Night am 20. November 2024
Bamberg Startups sieht sich auch als Bindeglied zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Bestes Beispiel dafür sind die Bamberg Startups Gründertreffen. Dabei fungieren Unternehmen als Gastgeber und bieten jungen Gründerinnen und Gründern die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen, während ein Speaker, häufig selbst Gründer, seine Geschichte erzählt.
Das monatliche Format des Startup-Stammtischs passt zu dieser Philosophie: Jeden ersten Mittwoch im Monat geht es um Selbstständigkeit, Geschäftsideen und Netzwerke – und ausdrücklich auch um das eine oder andere Bierchen. Der Verein ist damit Teil eines größeren Netzes. Die Universität Bamberg hat mit ihrem Büro für Innovation, Transfer und Gründung (BIG) eine eigene Anlaufstelle für Studierende, Wissenschaftler und Alumni geschaffen. Dort gibt es kostenlose Gründungsberatung, Workshops, Co-Working-Räume und Unterstützung bei Förderprogrammen wie EXIST oder FLÜGGE. Mit dem „GO! Gründungshub Oberfranken“ arbeitet Bamberg zudem mit der Universität Bayreuth sowie den Hochschulen Coburg und Hof zusammen.

Und ausgerechnet die künstliche Intelligenz könnte zum Bindeglied zwischen Universität und neuer Wirtschaft werden. Seit dem Wintersemester 2024 bietet die Universität Bamberg den Bachelor-Studiengang „Künstliche Intelligenz und Data Science“ an. Sieben neu eingerichtete KI-Professuren verstärken das Forschungs- und Lehrangebot. Das Studium verbindet Informatik mit Statistik, Mathematik sowie Anwendungen in Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften.
Das ist für den Wirtschaftsstandort durchaus strategisch. Denn die nächste Generation von Unternehmern wächst nicht mehr nur mit BWL-Lehrbüchern auf. Sie lernt, Daten zu analysieren, Algorithmen zu verstehen und digitale Produkte zu entwickeln – und trifft dabei auf eine Region mit industriellem Know-how, Mittelstand und großen Unternehmen als potenziellen Kunden.
Auch die Stadt selbst versucht, diesen Wandel zu begleiten. Mit „Smart City Bamberg“ ist Bamberg seit 2020 Modellkommune des Bundesprogramms. Aus mehr als 250 Ideen wurden 18 Innovationsprojekte entwickelt.
Die Vision der jungen Unternehmer ist dabei erstaunlich bodenständig: Sie wollen nicht zwangsläufig den nächsten Milliardenkonzern bauen. Viele wollen zunächst ein Problem lösen, ein gutes Team finden, erste Kunden gewinnen – und dabei möglichst unabhängig bleiben. Der eigentliche Rohstoff dieser Szene ist deshalb weniger Kapital als Vernetzung.

Wer wissen will, wie diese neue Wirtschaft funktioniert, bekommt dafür schon bald Gelegenheit: Am 18. November 2026 ab 18 Uhr steigt im LAGARDE1 die 8. Bamberger Startup Night. Mehr als 20 Aussteller werden dort ihre Ideen präsentieren. Außerdem wird an diesem Abend wieder das „Startup des Jahres“ gekürt. Bereits am 27. Oktober lädt die Universität zur „FoundersNight – Pitch.Pizza.Match“ ins LAGARDE1. Am 13. und 14. November folgt ein Workshop „Von der Idee zum (digitalen) Geschäftsmodell“. Auch das KI-Meetup Bamberg steht regelmäßig auf dem Programm.
Vielleicht ist genau das die interessanteste Nachricht aus Bambergs Wirtschaft: Die Zukunft entsteht nicht erst dann, wenn die großen Konzerne wieder Planungssicherheit haben. Sie entsteht bereits – in kleinen Teams, in Hochschulen, in Coworking-Räumen, beim Stammtisch und manchmal bei Pizza und Bier.
Bamberg bleibt dabei Bamberg. Aber zwischen Sandstraße und Lagarde, zwischen Universität und Industrie, wächst eine Generation heran, die nicht darauf wartet, dass jemand sichere Arbeitsplätze verspricht. Sie versucht, ihre eigenen zu schaffen.

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