
Willkommen bei Freunden – Gais
Manchmal liegt das Besondere näher, als man denkt. Oder genauer gesagt: rund 385 Kilometer entfernt. Denn dieses Mal führen uns die Kultouren von Coburg wieder einmal mitten hinein in eine Landschaft, in der die Berge immer höher, die Täler immer spektakulärer und die Ausblicke irgendwann schlicht atemberaubend werden: nach Südtirol. In den vergangenen Jahren waren wir mit unseren Kultouren zwar schon das eine oder andere Mal in dieser wunderbaren Region unterwegs. Ein Ziel aber hatten wir bislang erstaunlicherweise noch nicht auf dem Programm: Gais. Dabei ist das beschauliche Dorf im Tauferer Tal für Coburg alles andere als irgendein Urlaubsort in den Alpen. Gais ist eine Partnergemeinde Coburgs – und das seit mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert.
Die Geschichte dieser Verbindung begann übrigens mit einer Panne: Mitglieder des Gesangvereins Lützelbuch strandeten auf einer Reise in der Nähe von Gais und fanden dort eine so herzliche Aufnahme, dass aus einem ungeplanten Aufenthalt eine Freundschaft entstand. 1971 wurde die Partnerschaft besiegelt; nach der Eingemeindung Lützelbuchs übernahm die Stadt Coburg die Verbindung. Bis heute wird sie durch Besuche, Vereine und persönliche Freundschaften lebendig gehalten.

Erst kürzlich machte sich wieder eine Coburger Delegation auf den Weg zu den Freunden im Süden – ein schöner Anlass also, nun auch unsere Koffer zu packen. Die Fahrt führt über die Autobahn Richtung München und weiter über den Brenner nach Südtirol. Je nach Route und Verkehr sollte man etwa fünf bis sechs Stunden einplanen. Und irgendwann, meist hinter dem Brenner, geschieht dann das, was jede Alpenreise so besonders macht: Die Landschaft verändert sich. Die Berge rücken näher. Und plötzlich ist man mittendrin – zwischen den Gipfeln der Alpen, ganz in der Nähe der Dolomiten.
Mauern mit Geschichte
Wer nach Gais kommt, sollte sich Zeit nehmen. Nicht unbedingt, weil das Dorf so groß wäre – sondern weil sich seine Geschichten nicht auf den ersten Blick erschließen. Gais ist kein Ort, der sich lautstark in Szene setzt. Es ist eher einer, der dem Besucher nach und nach seine Geheimnisse zuflüstert. Da wäre die Pfarrkirche zum Heiligen Johannes dem Evangelisten, deren Wurzeln weit zurückreichen und in der sich unter anderem romanische Malereien entdecken lassen. Wer durch den Ort spaziert, begegnet außerdem Kapellen, alten Höfen und jenen kleinen architektonischen Details, die in Südtirol oft mehr Geschichte erzählen als ein ganzer Reiseführer. Die Gemeinde selbst listet eine bemerkenswerte Zahl historischer Kirchen und Kapellen auf – von Gais bis in den Ortsteil Uttenheim.

Hoch über dem Ort wacht Schloss Neuhaus. Der Weg dorthin führt über den Kulturweg Gais – und macht bereits den Spaziergang zum Ziel. Kunstwerke und historische Spuren begleiten den Wanderer durch die Landschaft, während sich immer wieder neue Ausblicke auf das Tal öffnen. Schloss Neuhaus selbst ist eng mit der Geschichte des mittelalterlichen Dichters Oswald von Wolkenstein verbunden.
Etwas verwunschener geht es bei der Kehlburg zu. Ihre Ruinen liegen im Wald, halb verborgen, halb vergessen – und gerade deshalb mit jener romantischen Aura versehen, die Burgruinen so unwiderstehlich macht. Moos statt roter Teppich, Baumkronen statt Kronleuchter.
Gais ist eben kein Freilichtmuseum mit Eintrittskarte. Es ist ein Dorf, in dem Geschichte ganz selbstverständlich zwischen Kirche, Wanderweg und Wirtshaus steht. Man muss nur hinschauen – und am besten zu Fuß unterwegs sein.
Natur zum Staunen
In Gais lässt sich die Landschaft wunderbar erwandern – und manchmal hat man dabei den Eindruck, die Natur habe hier besonders viel Fantasie besessen. Berge, Wälder, Flüsse, Schwemmkegel und bizarre geologische Formationen liegen erstaunlich dicht beieinander. Wer losläuft, entdeckt eine Landschaft, die nicht nur schön ist, sondern ihre eigene Geschichte erzählt.
Ein guter Einstieg sind die sogenannten Elemente-Wege rund um Gais und Uttenheim. Erde, Wasser, Luft und Feuer bilden dabei das thematische Gerüst für verschiedene Wanderungen. Informationstafeln erzählen unterwegs, wie diese Elemente Landschaft und menschliches Leben geprägt haben. Der Talbodenweg etwa führt durch die abwechslungsreiche Landschaft zwischen Gais, Uttenheim und Mühlen – vorbei an Wald, Wasser und dem markanten Schwemmkegel von Gais.

Besonders reizvoll sind auch die Ahrauen. Die Ahr begleitet die Wanderer als lebendige Nachbarin, während sich an ihren Ufern eine der besonders wertvollen Flusslandschaften der Region erstreckt. Mit etwas Glück wird der Spaziergang hier zur kleinen Naturbeobachtung: Die Flusslandschaft ist ein Rückzugsraum für zahlreiche Tierarten.
Und wer sich für die Launen der Erdgeschichte begeistert, findet in der weiteren Umgebung ein besonders spektakuläres Naturphänomen: die Erdpyramiden von Percha. Wasser und Wind haben dort über Jahrtausende bizarre Erdsäulen geformt, die von schweren Steinen wie mit kleinen Hüten gekrönt werden. Eine Landschaft, die aussieht, als hätten sich Natur und Bildhauer auf einen surrealistischen Wettbewerb geeinigt.
Das Schönste daran: Man muss rund um Gais kein Extrembergsteiger sein. Oft genügt es, die Wanderschuhe anzuziehen und dem nächsten Wegweiser zu folgen. Die Landschaft übernimmt dann den Rest.
Museum auf dem Gipfel
Es gibt Museen, zu denen man einfach hingeht. Und es gibt das Messner Mountain Museum Corones. Denn hier beginnt der Museumsbesuch schon lange vor der Eingangstür – spätestens dann, wenn die Seilbahn den Besucher hinauf auf den Kronplatz bringt und die Welt unter einem langsam kleiner wird.
Auf 2.275 Metern Höhe widmet sich das Museum dem traditionellen Alpinismus: seiner Geschichte, seinen großen Wänden, seinen Pionieren und jener eigentümlichen Beziehung zwischen Mensch und Berg, die irgendwo zwischen Sehnsucht, Größenwahn und Demut angesiedelt ist. Reinhold Messner hat dem Museum dabei ein Thema gegeben, das weit über ausgestellte Ausrüstungsgegenstände hinausgeht: Es geht um die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Berg – und damit letztlich auch mit sich selbst.

Schon das Gebäude ist ein Erlebnis. Entworfen wurde es von der berühmten Architektin Zaha Hadid. Der Bau scheint sich förmlich in den Felsen hineinzuschieben, Beton und Berg verschmelzen miteinander, während große Fensteröffnungen den Blick hinaus in die Dolomiten lenken. Draußen Landschaft von überwältigender Größe, drinnen Geschichten von Menschen, die genau diese Größe gesucht haben.
Das MMM Corones ist deshalb kein Museum für einen schnellen Regenspaziergang. Es ist eher ein Ort zum Innehalten. Zum Staunen. Und vielleicht auch zum Nachdenken darüber, warum Menschen freiwillig dort hinaufsteigen, wo es kalt, steil und gefährlich wird. Praktisch ist der Gipfel bequem per Seilbahn erreichbar – mit dem Auto kommt man allerdings nicht direkt zum Museum. Und vielleicht ist das auch ganz richtig so: Ein wenig Weg zum Berg gehört schließlich zur Geschichte des Berges dazu.
Shoppen und Schlendern
Manchmal braucht es nach all den Bergen, Wanderwegen und Gipfelkreuzen eine kleine Dosis Stadt. Einen Espresso. Ein Schaufenster. Kopfsteinpflaster unter den Schuhen statt Geröll. Und dafür ist Bruneck genau richtig. Nur wenige Kilometer von Gais entfernt liegt das lebendige Zentrum des Pustertals – eine Stadt, die Mittelalter und Gegenwart erstaunlich entspannt miteinander verbindet. Ihr Herz ist die historische Stadtgasse: eine lange, sanft geschwungene Fußgängerzone, gesäumt von bunten Bürgerhäusern, Erkern, kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants. Früher rollte hier der gesamte Verkehr des Pustertals entlang, heute flaniert man deutlich gemütlicher.
Über der Stadt thront Schloss Bruneck, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Heute beherbergt die einstige Bischofsburg das Messner Mountain Museum Ripa, das den Bergvölkern der Welt gewidmet ist. Wer den Schlossberg erklimmt, bekommt also gleich zwei Perspektiven: einen Blick zurück in die Geschichte und einen hinaus auf die Dächer der Stadt.
Doch Bruneck lässt sich auch ganz ohne ambitioniertes Besichtigungsprogramm genießen. Durch die Stadtgasse schlendern, an einem Café Halt machen, Menschen beobachten und dabei feststellen, dass Südtirol eine bemerkenswert angenehme Verbindung aus alpiner Bodenständigkeit und italienischer Leichtigkeit beherrscht. Vier historische Stadttore, Kirchen, Museen und der stille Waldfriedhof bieten reichlich Stoff für Entdeckungen. Aber man darf auch einfach treiben lassen. Bruneck ist schließlich eine jener Städte, die am schönsten werden, wenn man keinen allzu strengen Plan hat. Ein Stadtbummel genügt – und aus einer kleinen Pause wird schnell ein ganzer Nachmittag.
Und hier noch ein kleiner persönlicher Tipp:
Für alle Sportbegeisterten lohnt sich ein kleiner halbstündiger Abstecher in das weltbekannte Biathlonzentrum Antholz. Stadionführung und ein paar Testschüsse mit dem Laser inklusive.

Nur ein paar Tipps aus nahezu unzählig vielen Möglichkeiten für Ihre persönliche Entdeckungsreise nach Gais und die Region. Informationen gibt es ausführlich im Netz, in gedruckten Reiseführern bei Ihrem regionalen Buchhändler, oder fragen Sie uns.

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